Blödsinn. Die Kultisten wurden
immer frecher. Nun brachten Sie sogar schon Comics, Filme, Spiele
und Groschenromane heraus, die den Cthulhu Mythos zum Inhalt hatten.
Ich legte den Heftroman mit dem Titel "Cthulhu
lebt!" von
einem gewissen Robert Craven unter meinen Liegestuhl und blinzelte in die
Sonne. Lichtreflexe vom Swimmingpool tanzten auf den weissen Mauern der
Hotelterrasse.
War es am Ende
doch wie Urlaub? Es war Nachmittag. Unser Chef, seine Königliche Hoheit Prinz
Charles, machte in seinem Zimmer im obersten Stockwerk des Kapstadt Ritz
eine Ruhepause. Und wir hatten es uns am Hotelpool bequem gemacht und liessen
uns kühle Drinks von einem livrierten schwarzen Kellner servieren. Ich blickte
an der glitzernden Fassade des Hotels hoch, einer schmalen Säule aus Glas und
Stahl mit 20 Stockwerken gekrönt von einem scheibenförmigen Drehrestaurant. Die
Sonne war angenehm warm, nicht zu heiss, und die Mauern des Hotels schirmten uns
nicht nur vom Treiben auf der Strasse sondern auch von dem heftigen Wind ab, der
in dieser Gegend ständig blies. Der Himmel war wolkenlos und doch war das Licht
nicht zu grell. Choco trug ein grün-leuchtfarben getupftes Bandeau-Oberteil, das
sehr gut mir ihrer braunen Haut konstrastierte. Ich trug einen schwarzen
Badeanzug mit dekorativen goldfarbenen Akzenten, den ich eigentlich nicht so
gerne anzog, da ich nie sicher war, ob er nicht zu dunkel für meinen Typ
war.
Offiziell waren wir auf einem Oldtimer - Automobiltreffen,
das vom IOC (International Oldtimer Club, nebenbei auch Ausrichter der
Olympischen Spiele) ausgerichtet wurde und im dortigen Ritz stattfand. Für
seine Hoheit wäre dies an sich nichts Besonderes gewesen, denn Einladungen
zu irgendwelchen Veranstaltungen waren gewissermassen das Wasser, in dem er
schwamm, aber in diesem Fall waren die Umstände anders.
Das IOC war nämlich ausserdem die International Organisation against
Cultists und somit sozusagen die Dachorganisation unserer Abteilung bei
Scotland Yard. Auch wenn es die Öffentlichkeit nicht wusste, ja niemals
wissen durfte, so hatte der Prinz sein ganzes Leben der Bekämpfung des
Cthulhus Mythos gewidmet und deswegen sogar auf die Thronfolge verzichtet. Der
IOC, der die Oldtimer zu Ehren des amerikanischen Schriftstellers H.P.
Lovecraft, der in den 1920er Jahren Enthüllungsromane über den
Cthulhu Mythos veröffentlicht hatte, ausstellte, lud in
unregelmässigen Abständen zu Kongressen ein - meistens wenn eine
besondere Entwicklung auf dem Gebiet der Dämonologie oder Okkultismus stattfand.
Genauso wie auch die Olympischen Spiele, die jedesmal ein hervorragender
Vorwand zu einem regen Informationsaustausch von Agenten aller Herren Länder
darstellten.
Und nette Gesellschaft hatten wir auch noch.
Choco flirtete mit einem Typen namens Dorian Hunter, der als Privatmann
gegen die Mächte die Finsternis kämpfte. Ich hatte schon von ihm gehört und
wusste,
dass er verheiratet war. Dieser Hunter hatte offenbar recht
ausgefallene Theorien über eine Art Dämonen-Mafia die ihn in meinen Augen
allerdings als Spinner abstempelten. Aber das war mir im Moment ohnehin egal,
denn auf meiner anderen Seite bemühte sich ein recht netter und
gutaussehender Kerl namens Larry Brent um meine Aufmerksamkeit.
Brent arbeitete für eine deutsche Einheit namens PSA. Er erzählte mir gerade,
wie er vor einiger Zeit den Blutengel von Tschernobyl zur Strecke gebracht hatte
aber ich hörte nur mit halbem Ohr hin. Ich stellte
mir gerade genüsslich vor, wie wir uns später vielleicht
auf unseren Zimmern vergnügen würden. Vielleicht waren Choco und Dorian
nicht abgeneigt, das wäre ein ganz neuer Aspekt unserer Zusammenarbeit
gewesen. Gerade malte ich mir alles in den schönsten Farben aus, da wurde
aus meinen Gedanken gerissen.
"Joan, kommst du mit ins Wasser?" fragte mich Choco vergnügt.
Die schlanke Brasilianerin und Dorian Hunter standen von ihren Deck Chairs auf.
Ich wollte keine Spielverderberin sein und schloss mich an, was wiederum Larry
natürlich nicht tatenlos mitansehen konnte.
Also sprangen wir alle 4 gleichzeitig in das
kühle Nass. Der Pool war nicht sehr gross,
vielleicht 30 mal 15 Fuss. An einem Ende befand sich eine
Art Kaskade, in der ständig
umgewälztes Wasser herabfloss. Ich schwamm eine Runde und hielt mich dann
am Beckenrand unterhalb der Kaskade fest und liess das Wasser über meinen
Kopf laufen. Die Welt verschwand hinter glasigen Schlieren. Die Geräusche
wurden vom Plätschern des Wasservorhangs übertönt.
Ein gellender Schrei Chocos riss mich jäh aus meiner Idylle. Ich riss die
Augen auf und versuchte etwas zu erkennen - Wasser lief mir immer noch ins
Gesicht und raubte mir die Sicht. Alles war verschwommen und ich konnte nur
Schemen erkennen. Langsam klärte sich die Szene. Der Pool hatte sich in
einen Hexenkessel verwandelt. Choco stand wie gelähmt am Rand, Dorian
Hunter kletterte gerade neben ihr an Land. Rings um das Becken waren die
Gäste aufgesprungen und starrten entsetzt auf das, was sich in seiner
Mitte abspielte. Das Wasser brodelte und spritzte in die Luft als ob es kochen
würde. Und inmitten des Aufruhrs kämpfte ein Mann um sein Leben.
Der Boy wurde immer wieder unter die Wasseroberfläche gezogen, tauchte
prustend und um sich schlagend auf, dann verschwand er wieder.
Etwas Schwarzes windete sich
unter der Wasseroberfläche, ein Schemen, dessen Umrisse nicht deutlich wurden.
In diesem Moment schossen mir die vielfältigsten Möglichkeiten durch den Kopf.
War
es ein Schoggothe? Ein Oktopus? Wie war er in
das Becken geraten? Es musste etwas geschehen! Ich packte den steinernen
Überlauf der
Kaskade über mir und zog mich mit beiden Händen aus dem
Swimmingpool.
Das Wasser hatte einen rötlichen Farbton angenommen.
Wessen Blut war das? Ich blickte an meinem Körper herunter -
meines jedenfalls nicht. Der Schatten war verschwunden, was aber nichts
heissen musste, denn vielleicht hatte er sich nur in einen Winkel zurückgezogen
um sich auf seine nächste Attacke vorzubreiten. Sicher würde ich
das Ziel sein. Aber wo war der Mann?
Ich drehte mich um. Meine Assistentin kniete am Beckenrand neben einem
Körper, den sie offenbar aus dem Wasser gezogen hatte. Es war der Mann.
Der Kopf fehlte. Neben ihr beugte sich ein anderer, älterer
grauhaariger Mann über den Toten. Der Präsident des IOC, Dr. Zamorra, stand
daneben und starrte
finsteren Blickes vor sich hin, hinter ihm eine Gruppe von Leuten.
"Bitte packen Sie mit an. Wir müssen ihn und alle anderen aus der Gefahrenzone
wegbringen"
sagte der Mann neben Choco mit ruhiger Stimme zu mir. Ich nickte.
"Meine Damen und Herren!" rief er
"Der Poolbereich wird zum Sperrgebiet deklariert!"
Der Doktor strahlte eine Autorität aus, die jedermann in
seinen Bann zog.
Zusammen trugen wir das Opfer in den Speisesaal.
Ich kam endlich dazu, Dr. Morton, der sich nun vorstellte, genauer zu
betrachten. Der Doktor der Medizin
war ein schon älterer Mann von kräftiger Konstitution, dem etwas
Althippieartiges anhaftete, was
durch seine langen Haare und seinen Vollbart verstärkt wurde. Seine Augen
hinter den getönten
viereckigen Brillengläsern waren nicht zu sehen, aber sein Blick war trotzdem
durchdringend
dass ich eine Gänsehaut verspürte. Choco war so aufmerksam, uns kräftige Drinks
aus
der Poolbar zu herbeizubringen, die wir dankbar annahmen. Während ich noch
ziemlich sprachlos an dem Bacardi nippte, musste ich mit wachsender
Beunruhigung zu dem
Pool hinüber sehen, für den sich immer mehr Unbeteiligte interessierten.
"Verdammt, es ist immer das Gleiche"
meinte Dr. Morton trocken, und leerte sein restliches Glas in einem
Zug.
"Bitte gehen Sie auf Ihre Zimmer. Ich weiss, es sind viele
Kollegen auf dem Gebiet des Okkulten und Paranormalen unter uns.
Aber im Moment stehen wir uns wohl eher gegenseitig im Wege.
Heute abend beim Empfang werde ich Ihnen allen ausführlich Bericht
erstatten."
Dr. Morton sah zu mir herüber wie um sich meines
Beistands zu vergewissern. Die Menge schien sich wirklich zu beruhigen und ging
langsam auseinander. Wenn dies ein suggestiver Trick gewesen war, dann
hatte
ich Respekt vor diesem Mann.
"Miss Unclear, ich glaube nicht, dass ich Ihnen die Natur dieses Angriffs
erklären muss" wendete er sich an mich.
"Schon, aber was wollen Sie dagegen tun?" fragte ich und betrachtete
missmutig die völlig durchnässte Vektor, die auf dem Tresen der Bar vor mir
lag.
"Ich bin überzeugt, dass der Schoggote nach einiger Zeit von selbst
verschwinden wird" erklärte der Mediziner "So lange müssen
wir den Pool beobachten und niemanden in seine Nähe lassen".
"Dann schlage ich vor, dass Sie
hier Stellung beziehen und aufpassen"
ich musste zugeben,
dass ich nun doch ein wenig genervt war. Ein Schoggote im Swimmingpool, wo
gab's den
sowas! Es stimmte zwar, dass ein Mythoswesen nie lange an einem solch
offensichtlichen Platz aufhalten würde, aber ich zumindest würde
bestimmt nie wieder in diesem Pool schwimmen gehen.
"Yeah".
Dr. Morton begab sich hinter den Tresen und begann mit
allerhand Starkprozentigem zu hantieren. Bei ihm klang das "yeah" allerdings
eher wie eine Anrufung Shub Nigguraths. Cocktails konnte er also auch noch
mixen. Aber irgenwie war er mir von Natur aus unsympathisch.
Und eine halbe Stunde vor dem Empfang schauen Sie hier wieder
vorbei und lösen mich ab" schlug Morton vor
"Ich zähle auf Sie."
Ich sass
in meinem Zimmer im 13. Stockwerk auf meinem Bett und hatte schlechte
Laune. Dieser Brent war spurlos verschwunden bevor ich
ihn näher kennenlernen konnte. Dafür hatte Choco diesen Hunter abgeschleppt und
vergnügte sich mit ihm lautstark im Nebenzimmer.
Ich konnte ihr ständiges "Ay! Ay!" Geschrei langsam nicht mehr hören.
Soweit also unser Urlaub. Zwar gab es hier auch traumhafte Strände und
gleich 2 Ozeane zur Auswahl, den Atlantischen und Pazifischen, aber wie ich
unseren Chef, Prinz Charles kannte, hatte der dafür nicht das Geringste
übrig. Klar, er hätte auch viel zuviel Aufsehen erregt, wenn er das
Hotel verlassen hätte und Choco und ich mussten immer in seiner Nähe
bleiben, damit ihm nichts zustiess.
Ich überlegte unter der Arbeit
gerade, ob ich nicht doch einen freien Tag für uns herausschlagen konnte, als es
an der Tür klopfte. Ich bat, hereinzukommen.
Die Türe ging auf und zu meiner Überraschung stand Larry Brent vor mir, der
mich ein wenig schüchtern anlächelte.
"Verzeihung Miss, aber ich wohne in dem Zimmer gegenüber.."
Ich war äusserst angetan und schenkte ihm mein strahlendstes Lächeln, das ich
zustande brachte. Sollte ich doch noch zu meinem Teil kommen?
"Äh, ich möchte Ihnen etwas mitteilen.." stotterte der
braungebrannte und sportlich gebaute junge Mann, dessen schwarze Haare nach
hinten gekämmt waren.
"Ich war vorhin drunten im Speisesaal, bloss um zu sehen, ob sich etwas
getan hat. Dr. Morton wollte doch aufpassen aber nun ist er verschwunden."
"Vielleicht ist er nur mal kurz raus gegangen?" vermutete ich. Ein gewisser
gelangweilter Ton in meiner Stimme war unüberhörbar.
"Nein, ich habe mindestens 5 Minuten gewartet und sogar nach ihm gerufen.
Er ist nicht mehr auf seinem Posten."
Ich stand von meinem Bett auf und ging hinüber zur Türe. "Gut.
Dann sollten wir sofort nachsehen, wo er steckt. Ich hätte ihn ohnehin in
15 Minuten ablösen sollen."
Wir
gingen zusammen vor zum Aufzug und warteten auf die Kabine. Brent wirkte
nervös.
Ich fragte mich, wieso er die Sache so ernst nahm. Dass es Morton langweilig
wurde und er sich deshalb etwas anderes vorgenommen hatte, war doch das
Wahrscheinlichste. Irgendwie hatte ich am Ende ohnehin das Gefühl gehabt,
dass er ein Angeber war. Oder wusste Brent etwas, was er mir verheimlichte?
Endlich kam der Lift. Wir fuhren damit direkt in den Speisesaal. Als
sich die Türen öffneten war dieser völlig verlassen. In einer
Dreiviertel Stunde würde der Empfang der Teilnehmer im Kongresszentrum
stattfinden. Sicher waren die Gäste alle gerade dabei, sich
darauf vorzubereiten. Ich ärgerte mich jetzt, dass ich diesem Tony Brent gefolgt
war und jetzt keine Gelegenheit mehr dazu haben würde mich passabel
herzurichten.
Also wo steckte dieser Dr. Morton? War er einfach in
sein Zimmer zurückgekehrt?
"Nun
rücken Sie schon raus. Sicher haben Sie mich nicht geholt, weil Sie
mit der Situation alleine umgehen können!" forderte ich Brent auf, sein
Herumdrucksen
aufzugeben.
"Etwas stimmt nicht mit diesem Dr. Morton.."
Ich sah ihn fragend an. Brent fuhr fort:
"Es ist wegen dem Getöteten
am Pool. Die Leitung des Kongresses hat die Leiche in einem Nebenraum der
Toilette aufbahren lassen.
Ich habe Morton gesehen, wie er sich dort rumtrieb."
Ich hatte
Dr. Morton vor dem heutigen Tage noch nie getroffen, aber sein Ruf war ebenso
bekannt wie umstritten. Es
hiess, dass Morton in den 70er Jahren Menschenversuche durchgeführt hatte und
etliche Morde
auf sein Gewissen gingen. Auch wenn seine Opfer fast nur Verbrecher und
Kultisten waren und er offiziell als "Mythos-Defiant" galt, so
war er absolut skrupellos, was seine Methoden anging. Und er operierte mit
seinen Experimenten für meinen Geschmack zu
zu sehr in Kultisten-Gewässern. Vor allem seine Orgasmusreflextherapie kam mir
zwar
aufregend aber auch extrem unwissenschaftlich vor.
"Wollen
wir mal nachsehen?" schlug ich vor.
Brent schlich an der Wand des
Speisesaales entlang zu einer Schwingtüre, hinter der ein Gang zu den Toiletten
führte. Ich blieb dicht hinter ihm und strengte meine Ohren an, aber
konnte nichts hören. Vorsichtig tasteten wir uns vor. Rechts ging es
zu Gentlemen, links zu Ladies. Der PSA Agent ging geradeaus, wo eine weitere
Türe
mit der Aufschrift "Private" den Gang abschloss. Ich folgte ihm mit
gemischten Gefühlen - er horchte zuerst an der Türe,
dann probierte er vorsichtig den Türgriff. Es war
abgeschlossen.
Der
Dämonenjäger trat die Türe kurzerhand mit einem Tritt ein, dass sie krachend
aufflog.
Die Szene war gespenstisch.
Der Raum dahinter war von flackerndem Kerzenlicht erleuchtet. Weihrauchgeruch
stieg mir in die Nase. Verdammt, was ging da vor?
Auf einem Tisch in der Mitte lag der Tote zugedeckt
mit einem weissen Tuch. Um ihn herum brannten Kerzen und Räucherwerk in
kleinen Schalen. Durch den Rauch konnte man kaum etwas erkennen, zumal nur ein
Teil des Raumes erleuchtet war. Daneben auf einem kleinen Rollwagen befanden
sich chirurgische Instrumente und Flaschen mit irgendwelchen Chemikalien. War
hier ein kleiner Herbert West am Werk?
Ich griff den Agenten an seiner Schulter und zog ihn wieder in den
Speisesaal
hinaus. Im Hinausgehen hob ich ein kleines, ledergebundenes Büchlein vom
Tisch auf, dessen Titel ich flüchtig als "Cthaat Aquadingen"
entziffern konnte.
Der Empfang zur Eröffnung des Kongresses war
bereits in vollem Gange. Jetzt musste ich schleunigst zu seiner
königlichen Hoheit. Ich erreichte den Eingang. Der fensterlose Saal war
hell
erleuchtet und die etwa 150 Gäste standen mit ihren
Sektgläsern herum. Livrierte Kellner huschten mit Tabletts umher und
sorgten dafür, dass den Gästen der Stoff nicht ausging. Am anderen
Ende befand sich eine mit einem Vorhang verhängte Bühne, vor der ein
Rednerpult aufgestellt war,
das von Spotlights angestrahlt wurde. Von Choco war nichts zu sehen, obwohl sie
irgendwo
hier stecken musste.
Ich hatte mich
kaum umgesehen, als ich einige Dinge wahrnahm, die keine gute
Entwicklung verhiessen. Zum einen seine königliche Hoheit Prinz Charles, der
leicht irritiert gerade die Stufen zu einem Rednerpult hinaufstieg, wo er vom
Präsidenten des IOC, Professor Zamorra erwartet wurde. Der grauhaarige, hagere
Präsident schüttelte seiner Hoheit die Hand. Von der anderen Seite kam Dr.
Morton auf die beiden zugesteuert. Das konnte ja heiter werden.
Jetzt war meine Sumo-Technik gefragt,
denn Zeit zum Verhandeln hatte ich nicht. Das Überraschungsmoment war auf meiner
Seite. Ich drängte die Gäste, die mir im Weg
standen mit einem klassischen Tsukidashi beiseite und bahnte mir einen
Weg.
Natürlich waren auch Prinz Charles und Professor Zamorra auf mich
aufmerksam geworden und sahen zu mir herüber. Seine königliche Hoheit schien
nicht gerade über meinen Auftritt amüsiert zu sein. Und Dr. Morton hatte
selbstverständlich
auch geschaltet und war bereits auf dem Podium! Ich würde
es nicht mehr schaffen, ihn aufzuhalten. Metall blitzte in den
Händen des wahnsinnigen Kultisten. Morton holte aus und traf Präsidenten
mitten in
die Brust. Zamorra wurde von dem Stoss zurückgeworfen und taumelte gegen
Charles, der
den Präsidenten des IOC zu stützen versuchte (wie sich
später herausstellte, hatte Zamorras berühmtes Amulett, das er immer auf
der Brust trug, ihm wieder einmal das Leben gerettet).
Ich raste zum Podium hoch, 3 Stufen auf einmal nehmend. In diesem Moment
wurde der Bühnenvorhang in der Mitte auseinandergerissen und in der
Lücke erschien eine Gestalt, die uns allen das Blut in den Adern gefrieren
liess:
es war der Geköpfte vom Pool! Welche okkulten oder cthuloiden Kräfte
ihn zum Leben erweckt hatten, das eigentlich kein Leben war, konnte
sich jeder Hobbykultist denken, aber diese taumelnde Gestalt ruderte
mit ausgestreckten Armen direkt hinter meinem Schützling, dem Prinz of Wales
herum und versuchte ihn zu packen! Dass der Zombie nichts sehen
konnte, war offensichtlich und ein grosses Handicap für
ihn, aber er war nichtsdestotrotz gefährlich, denn sicher wohnten
seinen Armen die üblichen unnatürlichen Kräfte inne.
In dieser Situation konnte ich nur noch eines tun: ich hechtete nach vorne
und bekam den Prinzen an den Beinen zu fassen, riss ihn zu
Boden und drehte mich so, dass ich von der Bühne herunterkam. Ein
Aufschrei
aus hundert Kehlen begleitete meine Aktion aber ich hatte
weder Augen noch Ohren für die Leute. Ohne Rücksicht auf Blessuren seines
edlen Körpers zog ich den Charles an seinen Hosenbeinen von der
Bühne herab. Nie hätte ich mir träumen lassen, so mit dem
englischen Thronfolger umzugehen. Zum Glück war er Stürze vom Polo Spielen
her gewöhnt.
Oben
beim Rednerpult entbrannte ein heisser Kampf zwischen einigen Gästen,
Zamorra, Morton und dem Kopflosen. Hinter mir wurden Stimmen laut.
Ein Wirrwarr von Beschwörungen, die man kaum auseinanderhalten konnte
prasselte auf den Kopflosen ein, der wie ein Berserker kämpfte. Die
geladenen Gäste hatten sich langsam von dem Schock erholt und besannen
sich wieder auf ihre Profession, denn viele unter ihnen waren
berufsmässige Dämonenjäger. Solange sie es mit
Beschwörungen versuchte, war das okay, nur hoffentlich würden keine
schweren Anti-Dämonen Waffen eingesetzt werden, da wir quasi genau in der
Schusslinie standen.
Ich versuchte Prinz Charles auf die Beine zu helfen aber seine Hoheit lag wie
betäubt auf dem Boden und rührte sich nicht. Auf einmal war Choco
neben mir und packte mit an. Ich versuchte zu ignorieren, dass sie weitaus
besser angezogen war als ich. Die junge Studentin hatte einen eleganten
schwarzen Hosenanzug aus Jersey mit zwei Schlingverschlüssen vorne an,
unter dem sie ein weisses Shirt trug und passend dazu weisse Pumps.
"O homem, é este companheiro
pesado!" rief sie aus, als jeder von uns ein Bein seiner Hoheit packte
und ihn mit vereinten Kräften aus der Schusslinie schleiften. Neben
der Bühne war eine Seitentüre. Ich warf die Türe auf, wir schleppten uns
in den Gang dahinter. Choco knallte die Türe wieder zu und lehnte
sich aufstöhnend dagegen. Das war knapp gewesen.
Der Kampf mit
dem Kopflosen hatte nicht mehr lange
gedauert. Die geballte Schlagkraft von 100 Dämonenjägern hatte ihn in kürzester
Zeit wieder zu dem zurückverwandelt was er eigentlich war - ein kopfloser
Leichnam. Da
der Empfang geplatzt war, hatte man die Begrüssung der Teilnehmer auf das
Dinner verschoben.Unser Chef
hatte sich in nach dem Vorfall seiner Suite verschanzt und Choco
hielt Wache vor
seiner Türe. Seine Hoheit hatte die rauhe, um nicht zu sagen brutale Behandlung
durch uns mit keinem Wort erwähnt, sondern uns für unseren Einsatz
ausdrücklich gedankt. Ich war in mein Zimmer zurückgekehrt und beseitigte
die Spuren, die der Einsatz an mir hinterlassen hatte.
Was mir Kopfzerbrechen bereitete war, wo Dr. Morton steckte. Er war bei dem
Handgemenge mit dem Kopflosen
irgendwie verschwunden und seitdem nicht mehr auffindbar.
Ich wünschte, wir hätten unsere Ausrüstung aus London mitgenommen, den
Dämonendetektor und
Dämonenzerstäuber, mit denen wir gegen solche Attacken wesentlich besser
gerüstet gewesen
wären. Gerade
weil
es die Hauptversammlung der Internationalen Organisation against Cultists
war, mussten wir mit übernatürlichen Angriffen rechnen.
Ich hatte kurz im
Londoner Hauptquartier des ABCDEF angerufen und die Geräte per Expresskurier
angefordert. Aber eigentlich war es dafür jetzt bereits zu spät. Bis
die Ausrüstung bei uns eintraf, würden wir kurz vor der Abreise
stehen. Immerhin hatte Scotland Yard mir versprochen, zu tun, was sie
könnten.
Verdammt Joan, du wirst
nachlässig! sagte ich zu mir. Erst jetzt musste ich wieder
an Larry Brent
denken, den ich im Speisesaal zurückgelassen hatte. Ich hatte nichts
mehr von ihm gehört. Sollte ich nach ihm fragen? Aber da fiel mein Blick
auf das Buch, das ich erbeutet hatte. Vielleicht würde mir das
weiterhelfen..
Das "Cthaat Aquadingen" auf Englisch. Seltsam, meines Wissens
existierte nur noch ein einziges Exemplar dieses Buches aus dem 14. Jahrhundert
und das lag im Britischen Museum. Dies hier musste eine neuere Kopie sein, denn
es war einfach zu gut erhalten. Wo hatte Dr. Morton das Buch, das selbst als
Kopie von unschätzbarem Wert war, bloss her? Ich hob es hoch und liess die
Seiten locker nach unten hängen. Ein kleiner Zettel fiel heraus.
Interessiert hob ich den Zettel auf und staunte nicht schlecht: es handelte
sich um eine Quittung der Firma Alhazred Import & Export (
siehe "Die Todesputzen von London")
über 175£.
"Sieh mal einer an, die Welt ist doch wirklich klein" dachte ich
mir, als ich sofort an unseren Erz-Gegenspieler Abdul Alhazred dachte, den
verrückten Araber, der seit langem mit allen Mitteln versuchte, die
Grossen Alten
wieder in diese Welt zurückzuholen.
Vor einiger Zeit hatte ihm eine Import/Export Firma gehört, die
unter anderem auch mit solchen seltenen und gefährlichen
Büchern handelte, bis ich ihm das Handwerk legte. Dafür hatte er
mir das
Necronomicon
abgejagt (siehe "
Invasion der Mumien
") wodurch er im Moment die Oberhand hatte. Sollte Alhazred hier die
Finger im Spiel haben?
Alhazred war nicht hier, oder? Ich schüttelte den Gedanken ab
und trat ans Fenster. 13 Stockwerke unter mir hatte sich bereits eine
eindrucksvolle Versammlung der teuersten und edelsten alten Karossen
eingefunden. Irgendwo dort unten stand auch Prinz Charles feuerroter Mc Farlan
Cabriolet, mit dem wir später zusammen mit den anderen Gästen
ausfahren würden. Das würde sicher einiges Aufsehen geben und sicher
würde sich auch die Presse dafür interessieren.
Wenigstens hatte ich im Moment meine Ruhe. Da fiel mir zum ersten Mal ein
leises, kaum wahrnehmbares Summen auf. Es klang wie das Brummen, das
ausgeschaltete
Elektrogeräten von sich geben, wenn sie noch unter Strom stehen.
Ich wandte mich um, neugierig, wo es herkommen könnte. Nein, der Wecker auf
dem Nachttisch war es nicht. Es schien eher von meinem Bett zu kommen.
Ich blickte unter und über das Bett, hob die Matratze hoch, legte mein Ohr an
den metallenen Rahmen, konnte aber
nichts finden, ja nichteinmal eindeutig sagen, von welcher Stelle das Geräusch
kam.
Eine Abhöranlage? Wenn ja, dann musste es ja ein ziemlich primitives Modell
sein, wenn es gleich so auffiel.
Ich konnte es mir nicht richtig erklären. Vielleicht würde Choco etwas
herausfinden, sie kannte sich mit Technik besser aus als ich.
Das laute Klingeln meines Zimmertelefons liess mich zusammenfahren.
Es war jemand vom Hotel. Meine Gitarre sei eingetroffen, ob
man sie mir heraufbringen solle. Was
hatte das zu bedeuten? Obwohl ich in früheren Jahren Leadgitarre in einer
Londoner Gothic Rockband gespielt hatte als im Batcave Club noch Live Bands
auftraten.Nein danke, ich würde selber runtergehen.
Das
Tiefe Wesen
führte seinen Auftrag gewissenhaft aus. Es war
draussen vom Meer gekommen, hatte sich durch die Kanalisation von Kapstadt
geschlagen und war dann im Keller des Ritz herausgekommen. Niemand hatte
sich ihm entgegengestellt. Ein paar Hindernisse hatten aus dem Weg
geräumt werden müssen, aber das bisschen Gitterverbiegen und Türeneinschlagen
waren
ein Kinderspiel für die muskelbepackte Kreatur gewesen. Das Zählen der
Stockwerke kostete dagegen eine geistige Anstrengung, die ihm fast schon
Kopfweh einbrachte.
Mit einem Fausthieb, der
die Wucht eines Vorschlaghammers hatte, donnerte es die Tür, die das Treppenhaus
vom Hotelflur trennte, aus den Angeln. Das machte Spass. Glassplitter aus dem
Rahmen fielen klirrend auf den dunkelblauen Teppichboden. Es genoss einen
Augenblick den Anblick der Trümmer. Der Gang, der vor ihm lag, war von in
der Decke eingelassenen Lampen schwach beleuchtet. Links und rechts lagen die
Zimmertüren der Menschenbewohner.
Geifer sammelte sich in dem breiten
Mund des Ungeheuers und troff zäh zu Boden. Das Wesen stiess ein Knurren aus.
Es war schon wieder das falsche Stockwerk - es musste sich wohl
verzählt haben.
Es drehte sich um und begann noch einmal von vorne.
Gedämpftes Licht, hin und her huschende Kellner. Das Dinner fand in dem
Drehrestaurant auf dem Dach des Ritz statt. Choco und ich hatten die Ehre, am
gleichen Tisch neben seiner königlichen Hoheit sitzen zu dürfen. Bei uns waren
Professor Zamorras Sekretärin und Geliebte Nicole Duval sowie auf meinen und
Chocos Wunsch Dorian Hunter und Larry Brent. Die Duval war mit einem
türkisblauen Chiffonkleid angetan, für das sie eindeutig zu alt war.
Früher musste sie eine umwerfende Schönheit gewesen sein, aber es war
offensichtlich, dass sie ihre Haare blond gefärbt hatte, um die grauen Strähnen
zu verbergen. Nun gut, Zamorra war auch nicht mehr der Jüngste. Man munkelte,
dass er seinen Titel "Meister des Übernatürlichen" auch im Bett bewahrheiten
würde, aber das war wohl eher in früheren Jahren der Fall gewesen. Heute abend
hatte er sich allerdings entschuldigen lassen. Die Aufregung war zuviel für ihn
gewesen und er hatte sich sein Essen auf sein Zimmer bringen lassen.
Ich trug ein schwarzes Kostüm aus einem leicht taillierten Blazer mit Revers
und einem raffinierten kurzen Rock. Choco trug ein beiges Top und einen geraden
Rock, der bis zu den Knöcheln reichte, aber einen langen Seitenschlitz hatte.
Es gab jedenfalls einen hervorragenden Crayfish und Champagner. Der Prinz
erzählte gerade die alte Anekdote, wie seine Mutter, die Queen einst auf
einen splitternackten Kultisten im Buckingham Palace reagiert hatte, der dort
heimlich eingedrungen war.
Ich hörte nur halb hin
".. als er seine Beschwörung anfing, war meine Mutti überhaupt
nicht amüsiert.."
sondern sah aus dem Fenster auf die glitzernde Metropole hinab, die sich unter
mir zum Meer hin ausbreitete. Wenn man lange genug sitzen blieb, zeigte das
Drehrestaurant einem von seinem Platz aus die gesamte Umgebung. Im Osten lag
der Tafelberg, dann kam Lions Head und die Küste, schliesslich die
tausenden Lampen der Vorstadt.
".. Da gab Sie ihm kurzerhand eine von Daddys Unterhosen.."
Der Mond war gerade voll und beleuchtete die langen Wellenkämme, die
völlig parallel hintereinander herangerollt kamen und sich an den
Ufermauern weiss aufleuchtend brachen.
".. Sie müssen wissen, mein Lieblingshund, ein Rottweiler.."
Aber etwas simmte nicht dort draussen. Da waren Punkte auf dem Wasser, die
nicht dort hin gehörten. Seltsam, soviele Bojen. Und seltsame Bojen dazu.
Denn es waren aber Bojen die sich näher bewegten.
".. in eine sehr private Stelle gebisssen."
Vom ersten Gang, einer asiatischen Gemüsesuppe mit undefinierbaren Zutaten, war
noch mein
Glückskeks übrig, den ich nun, in Ermangelung einer besseren Beschäftigung
auseinanderbrach, auf
dem üblichen länglichen Zettel einen Spruch erwartend, in der Art wie
"Gelassenheit ist zur Zeit Ihre Stärke" oder
"Man wird Sie wie einen König behandeln", was zumindest bei meinem Chef recht
passend gewesen wäre.
Diesmal barg der Glückskeks aber eine echte Überraschung. Ich entschuldigte
mich bei meinen
Tischgenossen, stand auf, und ging nach draussen.
Choco erschrak fürchterlich, als plötzlich die Türe zum
Treppenhaus mit einem berstenden Knall auseinanderflog. Eine Staubwolke wallte
ihr entgegen und dahinter gewahrte sie eine schemenhafte Gestalt, deren
Körpergrösse für einen Menschen bei weiten gross geraten schien.
Die ungeschlachte Gestalt machte einen ungeschlachten Schritt vorwärts.
Ein Aufschrei ging durch die Gäste.
"Kindchen, Sie sind ja zu Tode erschrocken!" meinte ein Herr mit
einer silbergrauen, gezackten Haarsträhne, der am anderen Tisch sass zu
Choco.
"Bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie bitte sitzen!" Alle Blicke
richteten sich auf den Barkeeper, der dieses Kommando gegeben hatte.
"Niemand verlässt den Raum!" Choco kam die Stimme des Mannes
trotz des Bin-Laden Bartes und der dicken Brille bekannt vor. Es war Professor
Zamorra!
Das Monster in der Türe rührte sich nicht vom Fleck. Zamorra ging zu
ihm hinüber und tätschelte den Kopf des Monsters. "Meine
verehrten Damen und Herren, verehrte Dämonenjäger und Investigators!
Sie alle hier versammelt zu sehen, ist eine so einzigartige Gelegenheit, dass
sie nicht ungenützt bleiben sollte." Das Ding auf der Schwelle
schnaubte und glotzte bedrohlich in die Runde.
"Dass der diesjährige Kongress des IOC hier in Kapstadt stattfindet hat einen
besonderen
Grund. Es ist mir nämlich eine Ehre, sie an Bord meines Raumschiffs
begrüssen zu dürfen!"
Zamorra war sichtlich stolz auf die gelungene Überraschung.
"Wir alle, die wir hier versammelt sind, werden heute zu einer grossen Reise
aufbrechen.
Wir werden zusammen die Abgründe hinter den Abgründen sehen, das herrliche,
sinnenverwirrende, wahsinnigmachende
Kosmische Chaos. Wir werden uns ins Zentrum des Universums begeben, jawohl, in
den Schoss von
Azatoth, dem wahnsinnigen einzig wahren Gott, dem Nabel der Welt, sich endlos
windend, immer
nur in den wimmernden Massen windend.. [usw. usw.]"
So war das also. Der Präsident der Vereinigung der Dämonenjäger war ein
Oberkultist!
Während er noch von den grossartigen Dingen, er uns zeigen wollte schwärmte,
war Zamorra an die Bar zurückgegangen und es
ertönte ein Geräusch, als ob irgendwelche Schalter umgelegt
würden. Alle Blicke richteten sich auf den Barkeeper, der seltsame
Operationen mit den Zapfhähnen und Armaturen vollführte. Ein Heulen
als ob ein Düsentriebwerk gezündet worden wäre wurde immer
lauter und in diesem Moment find die Rotation des Drehrestaurants, die bisher
kaum wahrnehmbar gewesen war an, schneller zu werden. Ein Tumult brach aus.
Teller, Blumenvasen, Gläser fielen von den Tischen. Noch war die
Fliehkraft nicht so gross, dass die Gäste sich nicht mehr halten konnten.
Aber was würde passieren, wenn die Beschleunigung anhielt?
Sie kamen! Ihre
Körper waren plump und leicht vornübergebeugt. Die Arme und Beine
waren mit mehr Muskeln bepackt, als Arnold Schwarzenegger in seinen
kühnsten Träumen erhoffen konnte. Es mussten Hunderte Tiefer Wesen
sein, die an der gesamten Küste gleichzeitig an Land stampften. Der
Anblick war faszinierend und grauenhaft zugleich. Die Menschen flüchteten.
Autos krachten ineinander. Doch die Tiefen hatten ein bestimmtes Ziel. Einen
silberglänzenden Pfeiler von 20 Stockwerken mit einem
schüsselförmigen Objekt darauf.
Nur ein paar Sekunden waren verstrichen. Da die Bar im Zentrum des Restaurants
lag, war Professor Zamorra von der Fliehkraft völlig unbehelligt. Sein
irrsinniges Lachen war in dem Heulen des Triebwerks des Raumschiffs - denn um
nichts anderes handelte es sich bei dem Restaurant - und dem Geschrei der
Gäste kaum hörbar. Nur das Tiefe Wesen, das wie ein Felsen den
Ausgang versperrte und dem sich niemand zu nähern wagte, stand wie ein
Fels in der Brandung. Doch dann knickten seine Knie ein und es kippte nach
vorne um.
Hinter der Bestie stand niemand anders als ich. In der Rechten hielt ich die
rauchende Vektor5 Maschinenpistole aus meinem Gitarrenkoffer. Und hinter mir
stand niemand anderer als Dr. Morton. Ich winkte Choco und Prinz Charles, zu mir
zu kommen. Choco schrie und gestikulierte in die Richtung von Zamorra, aber ich
verstand nicht, was sie wollte.
Das Girl aus Rio musste selber handeln.
Choco hangelte sich irgendwie zum Bartresen hinüber, erklomm
die Theke und stürzte sich auf den Professor, der nur noch harte
Spirituosen in sich hineinkippte. Sie schlug ihm das Glas aus der Hand
und versuchte ihn dazu zu bringen, den Start abzubrechen. Es war
vergeblich. Zamorra war entweder total wahnsinnig geworden oder so
sturzbetrunken, dass selbst Gewaltanwendung sinnlos war.
Unser
Chef bewies Geistesgegenwart. Er packte seine
Begleiterin am Arm und zog sie zur Türe. Aber auch die anderen Gäste
hatten die Chance zur Flucht erkannt und drängten zum Ausgang. Choco
bedauerte es wieder einmal, dass sie kein Interesse an Sumo und Wrestling
hatte. Wenn sie doch nur einen Bruchteil des Könnens von Joan gehabt
hätte, dann wäre es ein Leichtes gewesen, den Weg freizukämpfen.
Doch es ging auch so:
Dem Kerl mit einer gezackten silbergrauen Strähne im
schwarzen Haar schlug sie mit dem Ellenbogen ein paar Zähne raus, als er sich
vordrängeln wollte.
Als Nicole Duval versuchte, an ihr
vorbei zu kommen stellte sie
ein Bein, so dass sie der Länge nach hinschlug. Die
alte Tusse brauchte einige Zeit sich wieder aufzurappeln und gab ein
hervorragendes
Hindernis für die Nachfolgenden ab. So schafften Choco und Charles es, das
Treppenhaus
zu erreichen und rannten hinter mir her, die Treppe nach unten.
Während wir 20 Stockwerke hinunterrannten, erklärte ich Choco und unserem Chef,
was in
der Zwischenzeit geschehen war: der Inhalt des Zettels, den ich beim Dinner
erhalten hatte, lautete
"Erwarte Sie im Keller. Dringend. Stehe auf Ihrer Seite. M."
Ich hatte sofort verstanden, dass es der Absender Dr. Morton war und er sich im
Keller des Ritz
versteckt hatte. Ob er wirklich auf unserer Seite stand bezweifelte ich, aber
wenn ich Licht ins
Dunkel bringen wollte, musste ich auf seinen Vorschlag eingehen.
Ich hatte Morton in einer
schmutzigen und schlecht beleuchteten Ecke des Vorratskellers getroffen. Der
Mediziner
wollte mir etwas zeigen,
das von grösster Wichtigkeit sei. Ich war skeptisch gewesen, ob
dies nicht eine Falle war und beschloss extrem vorsichtig zu
sein.
Morton hattte mich über verschlungene Wege
immer tiefer in den Keller hinein geführt, bis wir an eine massive Stahltüre
gelangten.
Er zog einen Schlüssel heraus und sperrte auf. Helles Neonlicht strahlte uns
entgegen. Ich staunte nicht schlecht, ein geräumiges Physiklabor hier unten zu
sehen. Schade dass Choco nicht dabei gewesen war; die angehende Physikerin
hätte das
bestimmt interessiert.
Ein Gewirr von Hohlleitern führte wie das Wurzelwerk eines
riesigen Baumes von der Decke in eine Art Tank, der im Boden eingelassen war.
Sollte ich Morton glauben, befand sich darin also die orgasmische Energie von
Tausenden
Gästen des Hotel Ritz. Rings
herum standen Schränke mit flackernden Bildschirmen und hochgezüchteter
Elektronik.Summen und das leise Klicken der Relais erfüllte
den Raum.
In dem Geheimlabor hatte sich der
Mediziner versteckt, als ihm klar war, dass er im Verdacht stand, hinter den
Attentaten zu stecken.
Dies war auch tatsächlich der Fall, aber
sie galten nicht Prinz Charles, wie ich angenommen hatte,
sondern Professor Zamorra. Zamorra war ein
Kultist! Ich fragte Morton, wie er auf diesen ungeheuerlichen Vorwurf
käme.
Er erklärte mir, dass Morton und Zamorra
ursprünglich zusammengearbeitet hätten. Das ganze Hotel Ritz war ein Experiment,
das er, Morton, sich vor langer Zeit ausgedacht hatte, um seine
Orgasmusreflextheorie zu beweisen. Nach dieser Theorie könnte die beim Sex
freiwerdene Energie,
von ihm Orgon-Energie genannt, nutzbar gemacht werden. Mir kam diese Theorie
nicht ganz neu vor. Ein gewisser Deutscher
namens Wilhelm Reich hatte in den 40er Jahren als erster solche Gedanken
formuliert.
In jedem Zimmer des Ritz befanden sich Orgon-Energie
Sammler, deren Output seit Jahren im Keller des Hotels gespeichert
wurde. Die beiden experimentierten zuerst gemeinsam auf dem Gebiet
der interstellaren Antriebe. Hierzu bauten sie das Drehrestaurant auf dem Dach
des Hotels in ein Raumschiff mit Orgon-Energie Antrieb um. Aber in
Wirklichkeit hatte jeder der Wissenschaftler einen eigenen Plan.
Morton wollte die Energie für sich selbst nutzen, um seine sexuelle
Potenz, ins Übermenschliche zu steigern. Zamorra dagegen wollte mit
dem Drehrestaurant zu seiner Gottheit Azatoth ins Zentrum der
Galaxis fliegen und bei dieser Gelegenheit alle Feinde des Cthulhu Mythos
als Opfer darbieten. Leider kamen sich die beiden Wissenschaftler gegenseitig
auf die Schliche. Zamorra war überhaupt nicht begeistert, dass Morton ihm seinen
Titel streitig machen wollte. Und Morton im Gegenzug wollte nicht, dass das
geniale Raumschiff für einen solchen Kamikaze Einsatz geopfert werden sollte.
Die beiden Wissenschaftler hatten sich
deshalb zu erbitterten Gegnern entwickelt, von denen jeder die Früchte des
Erfolgs für sich ernten wollte. Heute war der entscheidente Tag. Zamorra plante,
mit dem gesamten Kongress heute abend davonzufliegen. Morton wollte
ihn aufhalten, hatte es aber nicht geschafft.
Nun wurde mir einiges klar. Ironischerweise hatte auch
Choco zu dem Experiment beigetragen.
Es stimmte offensichtlich, dass Dr. Morton nicht gerade wählerisch bei seinen
Methoden war
und ich konnte seinen Einsatz Cthuloider Kräfte nicht gutheissen. Im Moment
aber blieb mir
nichts anderes übrig, als mit Morton zusammenzuarbeiten.
Die Treppen führen schier endlos Stockwerk für Stockwerk nach unten. Es war uns
ein wenig schwindelig, aber wir
erreichten das Ergeschoss des Ritz ohne Hindernisse. Die Lobby war menschenleer
und nur das Licht an der Rezeption brannte.
>
Die Alarmsirenen von sämtlichen Häusern der Nachbarschaft heulten
ununterbrochen. Vereinzelt waren Schüsse zu hören. Hoch oben auf dem
Dach des Hotels dröhnte der Antrieb des Raumschiffs, das jeden Moment
abheben musste. Hoffentlich würde das Gebäude dies aushalten!
Was mich im Moment ärgerte war, dass ich in meinem Leben schon immer so
richtig Crayfish essen wollte, aber jetzt die Gelegenheit verdorben war.
Ich ging als erster durch die Drehtüre des Ausgangs.
Morton, Choco und seine Hoheit folgten. Es war warm und seltsamerweise
windstill. Auch
vor dem Hotel war niemand zu sehen. Es war stockdunkel bis auf das Licht, das
die spärliche Aussenbeleuchtung spendete aber die Quelle des Lärms
war höchstens noch einen Häuserblock entfernt. Das Ritz war eine
Falle, um die sich der Ring der Angreifer geschlossen hatte!
Ich blickte an der Fassade des Ritz hoch. Das Drehrestaurant rotierte
inzwischen mit mehreren Umdrehungen pro Sekunde. Ich fragte mich, wieviele
Leute es hinter uns noch nach draussen geschafft hatten. Dann hob es ab! Ein
paar herabfallende Eisenrohre krachten direkt neben uns in ein Blumenbeet.
Das Ufo schwebte erst bewegungslos einige Yards über dem Hotel. Dann stieg das
Restaurant mit atemberaubender Geschwindigkeit in den Himmel. Ich
hatte noch nie ein Flugobjekt gesehen, das zu einer solchen Beschleunigung
fähig gewesen war. Das Ufo wurde rasch kleiner und kleiner und verschwand.
Wohin es wohl flog? Sicher war Zamorra noch an Bord. Hoffentlich hatten es die
meisten Gäste noch geschafft, dem Ding zu entkommen.
Als das Flugobjekt verschwunden war,
war auch der Bann, unter dem wir gestanden hatten, gebrochen. Zum Glück
hatte ich mir die Position des feuerroten Mc Farlan Cabriolet von meinem
Zimmerfernster aus gemerkt. Wir rannten zu viert zu dem Wagen, der nur wenige
Yards entfernt auf dem Hotelparkplatz stand. Ich sprang auf den Fahrersitz,
Morton
spielte den Beifahrer,
Choco und Charles folgten auf den Rücksitz. Der Mc Farlan war ein chicer
Oldtimer mit einem Reserverad, das links vor der Fahrertüre montiert war.
Ich drehte mich um "Die Schlüssel!"
Charles verstand nicht.
"Eure Hoheit, der Zündschlüssel!"
Die hoheitlichen Ohren fingen an zu glühen, wie immer,
wenn er aufgeregt war.
"Tut mir leid. Die Schlüssel sind in meiner Suite."
Nur Charles konnte in dieser Situation immer noch Suite statt Zimmer sagen.
Jetzt musste Choco ran. Sie legte sich von hinten über den Vordersitz und
begann fieberhaft an den Drähten der Zündung zwischen meinen Beinen
herumzufummeln. Die Berührung ihrer Arme und ihrer Brüste, die auf
meinen Knien lagen, riefen die unpassendsten Gefühle in mir hervor,
während Charles nicht versuchte, auf ihr Hinterteil zu sehen, das vor ihm
in der Luft ragte. Ich spürte, wie ich zwischen den Beinen feucht wurde,
was mir angesichts der Situation eher unangenehm war.
In diesem Moment sprang der Motor de Mc Farlan an und Choco rutschte wieder auf
den Rücksitz. Ich kurvte halsbrecherisch zur Hotelauffahrt hinaus. Choco
brüllte von hinten in mein Ohr:: "Joan, wohin fahren wir?"
"Zur Vicoria and Albert Werft! Dort wartet ein Schiff auf uns!" gab
ich zurück. Was weder Choco noch Charles wussten war, dass unsere
Dienstelle, der ABCDEF, sicherheitshalber eine Fregatte der Royal Moewles nach
Kapstadt entsandt hatte, die als Touristenattraktion getarnt im Hafenbecken der
Victoria and Albert Wharf auf uns wartete. Die Royal Moewles waren eine
Schottische Traditionstruppe, die seit Generationen dem englischen
Königshaus treu diente und auch besonders bei Einsätzen gegen
Cthuloide Schrecken bewährt hatte (siehe
"Stress am Loch Ness"
).
Ich beschloss kurzerhand, auf volles Risiko zu gehen: ich würde versuchen,
den Ring der Angreifer zu durchbrechen und die Hauptstrasse an der Seaside
entlang zu brausen. Dies war der kürzeste Weg.
Die Strasse ging zum Meer hin leicht bergab. Im Grunde mussten wir nur zwei
oder drei Häuserblocks überwinden, bevor wir die Hauptverbindung
erreichen würden. An der ersten Kreuzung trafen wir auf unsere Gegner.
Es waren nicht eines oder zwei Tiefe Wesen, sondern ein ganzer Trupp, der uns
entgegenstürmte. Der Motor des Wagens dröhnte laut auf, als ich ihn
beschleunigte. Wenn wir hier durchbrachen, hatten wir vielleicht freie Bahn bis
zum Hafen.
Prinz Charles hatte seinen aktiven Dienst zwar bereits 1976 beendet, aber seine
militärische Laufbahn - immerhin hatte er die Ränge eines
Generalmajors in Armee und Luftwaffe sowie eines Konteradmirals der Navy -
machte sich nun bezahlt. Seine Hoheit packte die Vektor5, stellte sich in den
Fond des Cabrios und feuerte im Stehen, was das Zeug hielt. Und das war nicht
von schlechten Eltern. Ehrlich gesagt, hätte ich dem Royal nicht
zugetraut, ein solcher Rambo zu sein.
Eines der Tiefen Wesen stand direkt vor uns auf der Strasse. Ich konnte einen
direkten Zusammenprall nicht riskieren da wir nicht angegurtet waren und seine
Hoheit sogar stehend mitfuhr.
Das Biest hatte schon mehrere Treffer abbekommen, grüner Schleim troff aus
den Einschusslöchern auf seiner Brust, aber es stand noch immer schwankend
im Weg. Wir hatten nur noch wenige Sekunden. Am Strassenrand war eine
Lücke zwischen zwei parkenden Autos. Ich trat auf die Bremse und zog nach
links, gleichzeitig kuppelte ich aus und zog die Handbremse. Das Heck des Mc
Farlan machte eine schlitternde Drehung, Reifen quietschten und qualmten, der
Schlag mit dem wir die Bordsteinkante überfuhren ging voll auf die Knochen
- ein Wunder, dass die Achsen das aushielten. Seine Hoheit landete unsanft auf
seinem königlichen Hinterteil. Einen Sekundenbruchteil später riss
ich das Steuer wieder rechts herum und gab Vollgas. Der Motor heulte auf, der
linke Kotflügel schrammte über die Hauswand, aber ich kriegte die
Kurve. Ein kurzes Stück donnerten wir über den Gehsteig und gleich
darauf landeten wir mit einem weiteren Schlag wieder auf der Hauptstrasse.
Nun war der Weg frei, doch nur, was die Tiefen Wesen anging. Die Strecke zur
Victoria & Albert war nur eine Sache von ein paar Minuten.
Von den Tiefen Wesen war nichts zu sehen, als wir am Hafen ankamen. Victoria
&
Albert war ein reines Geschäftsviertel, das grösstenteils aus
Restaurants und einer riesigen Einkaufsmeile bestand. Die Geschäfte hatten
bereits zu, aber in den Restaurants mit den bunten Lichtern war noch jede Menge
los. Noch war alles friedlich, aber ich war sicher, dass die Monster
früher oder später hierherfinden würden. Ich hielt den Mc Farlan
vor einem der Nobelrestaurants an, dessen Rückseite direkt am Hafenbecken
lag. Wir kletterten aus dem Oldtimer und stürmten an dem völlig
verblüfften Türsteher vorbei der gerade noch rufen konnte
"Feuerwaffen sind im Restaurant verboten!"
Wir stürmten an den völlig verblüfften Gästen vorbei und
zur anderen Seite wieder hinaus. Vor uns lag das beleuchtete Hafenbecken und
direkt vor uns, an einem hölzernen Steg vertäut, lag die Lady
Rosemary.
Die Fregatte "H.M.S. Lady Rosemary" war eine schmucke 200 Tonnen
Fregatte aus dem 18. Jahrhundert, liebevoll gepflegt und in Schuss gehalten.
Ihre 20 Geschütze sahen aus, als wären sie Attrappen, aber dies war
eine Tarnung, genauso wie die Besatzung, die in historischen Kostümen
gekleidet war. Die Touristen auf der Victory und Albert Werft glaubten sicher,
die Rosemary sei eine reine Sehenswürdigkeit, aber für die Besatzung
war dies kein Spass, sondern treuer Dienst am englischen Königshaus.
An Deck waren die Royal Moewles in ihren bunten, traditionellen
Highlander-Uniformen zu sehen. Wir rannten sofort zu der Landebrücke, die
vom Steg auf das Deck der Fregatte führte.
"Stop! What is the colour of the Moewle?" schallte es uns von Deck
entgegen.
Offenbar war dies eine Art Parole, mit der ich aber nichts anfangen konnte.
"Seine Royal Highness Prinz Charles Philip Arthur George, bittet darum, an
Bord gehen zu können!" rief ich entgegen und ging einige Schritte auf
der Landebrücke. Doch ich hatte es mir entschieden zu leicht vorgestellt,
das Schiff zu betreten. Ein Matrose mit in Kniestrümpfen, Schottenrock und
kariertem Umhang stellte sich mir mit einem uralten Karabiner im Anschlag in
den Weg. Ich blieb unsicher stehen und brachte im Moment kein Wort hervor,
besonders, weil ich durch den Gedanken abgelenkt war, was es war, das sich da
unter dem Kilt abzeichnete.
Es war unser Chef, der die Situation rettete. Prinz Charles trat vor und stiess
ein martialisches Gebrüll aus, das sich anhörte wie "The colour
of the Moewle is black!"
Sofort trat der Uniformierte zurück und gab den Weg frei. Erschöpft
stolperten wir an Deck, froh, endlich in Sicherheit zu sein.
Von wegen Sicherheit! Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig. Seine Hoheit gab
gerade den Befehl, die Leinen los zu machen und abzulegen, als Panikschreie vom
Land her schallten. Die Tiefen Wesen hatten uns erreicht und mischten die
Gäste auf. Nur unsere Matrosen setzten ungerührt ihre Arbeit fort.
Choco geriet angesichts der stoischen Ruhe ausser sich:
"Isto é terrível! Devemos ajudar estas pessoas
aí!"
Der
Lärm vom Ufer nahm immer mehr zu. Menschen rannten in Panik umher. Die
ersten Tiefen Wesen tauchten zwischen den Häusern auf. Glas klirrte,
Schüsse fielen.
"Choco, wir sind für die Sicherheit seiner königlichen Hoheit
zuständig!"
ermahnte ich meine Assistentin.
Die Brasilianerin wandte sich ab und hielt sich an einem der Masten fest. Ich
befürchtete, dass sie einen Nervenzusammenbruch bekommen könnte oder
gar permanent wahnsinnig würde, doch da sah ich ein weiteres Unheil auf
uns zukommen.
Draussen auf dem dunklen Meer, knapp über den Wellenkämmen, kam ein
Objekt auf uns zu, das im Mondlicht silbrig glitzerte und aussah, als
würde es rotieren. Es war schätzungsweise noch 1 Meile entfernt und
mir war augenblicklich klar, dass es das Drehrestaurant des Ritz war. Und es
raste auf uns zu! Professor Zamorra musste irgendwie unseren Fluchtplan
mitbekommen
haben und schickte sich jetzt an, für seinen missglückten Coup Rache
zu nehmen.
Ich wusste nicht, was Zamorra vorhatte. Wollte er uns rammen? Das Segelschiff
hatte sich noch kaum von der Stelle bewegt und lag wie auf dem
Präsentierteller. Sollten wir wirklich durch ein wild gewordenes
Drehrestaurant versenkt werden?
Choco kreischte entsetzt auf denn plötzlich klatschte eine flossenbewehrte
Pranke vor mir auf die Reling, gefolgt von einem hässlichem Kopf, der halb
Frosch, halb Fisch war. Ich bekam aus den Augenwinkeln mit, dass unser Schiff
auch an anderen Stellen geentert wurde. Ich drehte mich kurz um, verdammt, wo
steckte der Prinz?
Zum Glück hatte ich noch
die CP1 im Halfter unter meinem Blazer. Einen Augenblick später klafften 4
Löcher in der schuppigen Haut des Tiefen Wesens. Ich hatte die geweihte
Silbermunition geladen, aber gegen cthuloide Schrecken machte das, wie ich
wusste, keinen Unterschied. Das Biest schien die Kugeln wegzustecken, war aber
so überrascht, dass es einen Moment innehielt. Die war meine Chance, meine Sumo
Technik einzusetzen. Mit einem astreinen Abisetaoshi schleuderte ich den
Angreifer zurück ins Wasser, wo er mit einem grossen Platsch versank.
"Mistvieh!" schimpfte ich hinterher.
Die Besatzung der Lady Rosemary hatte zusammen mit Dr. Morton indessen den
Kampf gegen die Bestien
aufgenommen - und immer noch raste das Drehrestaurant auf uns zu! In wenigen
Sekunden würde Zamorra uns voll seitlich rammen und wahrscheinlich atomisieren.
Der Gedanke kam mir, ob ich über Bord springen sollte und ich hätte
es wahrscheinlich getan, aber in dieser Situation zeigte sich der Wert der
Disziplin und Kampferfahrenheit der Highlander Traditionstruppe gegen Cthuloide
Schrecken.
Das Deck unter mir erbebte, ein Knallen und Rumpeln erschallte, die Rosemary
legte sich zur Seite und eine Wand aus Pulverdampf stieg auf, als sie eine
volle Breitseite auf das Ufo abfeuerte. Die Geschütze mochten veraltet
sein, aber ihre Wirkung war immer noch die gleiche wie bei einem Seegefecht zu
Lord Nelsons Zeiten. Das heranfliegende Raumschiff wurde regelrecht zerfetzt.
Durch die Pulverdampfschleier konnte ich gerade noch wahrnehmen, wie seine
Trümmer wenige hundert Fuss neben uns ins Wasser schlugen.
Als sei dies ein Signal gewesen, gaben die Tiefen Wesen, von denen inzwischen
ein halbes Dutzend an Deck war auf, drehten sich um und sprangen über
Bord. Der Kampf war vorüber.
Hinter mir hörte ich die Stimme unseres Chefs, wie er beruhigend mit Choco
sprach, die nervlich ziemlich angegriffen wirkte. Sie musste sich
wohl daheim in London einmal mit einem Psychiater unterhalten - ein Schicksal,
das fast eine Berufskrankheit unter uns Agenten des ABCDEF war. Charles war die
ganze Zeit
auf der Brücke gestanden, wie es sich für einen Konteradmiral
gehörte. Auch Dr. Morton gesellte sich wieder zu uns. Er hatte auf unserer Seite
gekämpft, aber mein Misstrauen bestand immer noch.
"Kommen Sie, Miss Unclear." wendete sich Charles lächelnd an
mich
"Das nenne ich einen Spass. Ich glaube, ich werde auf diesem wunderbaren
Schiff noch eine Weile bleiben."
Jaja, das alte Kämpferblut. Charles, wenn das deine Mami
wüsste! Choco und ich zogen es vor, mit dem Flugzeug heimzukehren.