Empfohlene Hintergrundmusik beim Lesen:
Perfume de Gardenias.mp3
Prolog
Häuptling Acamapichtliloco vom Stamme der Azteken spürte wieder
etwas. Seine Knochen, seine Glieder.. dass sein Körper existierte. Das
Gefühl an sich war weniger interessant, als der Umstand, dass er seit fast
500 Jahren nichts mehr gespürt hatte. Genauer gesagt seit dem 13.8.1521,
dem Tag, als der letzte Widerstand der Azteken gegen die spanischen Eroberer
zusammengebrochen war und er rituellen Selbstmord begangen hatte. Denn seit
diesem Tag hatte er einbalsamiert und getrocknet als Mumie unter einer
Tempelpyramide im Dschungel Mexikos gehockt. Nichts fühlend.. Nichts denkend.. Im
Dunkeln verborgen, bis die Sterne irgendwann wieder richtig stehen würden. Acamapichtliloco
spürte am ganzen Körper, dass dies sehr bald sein würde. Der Tag der RACHE war nahe..
Das Labor im Keller von Old Scotland Yard erinnerte mich immer an jene alten
Frankenstein Filme, die ich früher gerne angeschaut hatte. Das alte
Backsteingewölbe, die endlosen Kabel, das Summen Elektrizität, Skalen
und Instrumente. Sie sahen aus wie jene irrsinnige Apparaturen, die dazu
dienten, irgendwelche Monster zum Leben zu erwecken. Aber hier endeten auch
schon die Gemeinsamkeiten: das Labor des ABCDEFG (Auxiliary Bureau Counter
Demons, Extraterrestrial Fiends and Ghosts), wie unsere Abteilung hiess, diente
zur Entwicklung von Waffen
gegen Monster.
"Hallo Joan, lange nicht mehr gesehen, wie geht's!" meine Assistentin
Choco sah auch alles Andere aus wie Doktor Frankenstein, wie sie mich als
einzige in dem Raum hinter ihrem Schreibtisch begrüsste. Als sie ihre
langen Beine auf dem Drehstuhl herum schwenkte fiel mir auf, dass sie unter dem
weissen Laborkittel entweder gar nichts oder einen zumindest extrem kurzen Rock
anhatte. Ich hatte die Physikstudentin, die gleichzeitig und Partnerin bei
Einsätzen gegen allerhand okkulte Schrecken gewesen war, einige Zeit nicht
mehr gesehen. Nach dem Chaos in Kapstadt (Siehe gleichnamige Folge) war es
ruhig geworden an der Mythos Front. Das hiess aber nur, dass unsere Gegner, die
Jünger jener scheusslichen ausserirdischen Gottheiten, die wir mit allen
Mitteln von der Erde fernhalten mussten, sich neu formierten um irgendwo auf
dem Globus wieder zuzuschlagen.
Aber diese Gedanken wurden sofort unterbrochen, als mein Blick auf den gläsernen
Totenschädel fiel, der inmitten des Chaos auf dem Schreibtisch Chocos stand.
"Was ist damit?" Neugierig beugte ich mich über den
lebensgrossen Kopf. Er sah absolut detailgetreu aus, nur dass er nicht aus
Knochen sondern aus glasklarem Kristall bestand, in dem sich die kalte
Neonbeleuchtung des Labors spiegelte.
"Wir hatten das Ding in unserer Asservatenkammer." erläuterte
Choco ein wenig beiläufig.
"Und warum hast du ihn raus geholt?"
"Ein gewisser Professor Alvarez aus Mexiko bittet uns, ihm den
Schädel auszuleihen. Er ist eine Kapazität in Mexikanischer
Geschichte und Sammler. Professor Federico Alvarez vom Museo Nacional
Antropologica in Mexico City, um genau zu sein."
"Aber das ist doch New Age Kitsch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das
Ding der Mühe wert ist."
"Oh, da ist seine Hoheit aber anderer Meinung" entgegnete Choco in
einem Tonfall, der in mir einige Irritationen hervorrief. Unser Dienstherr, seine Hoheit Prinz Charles
war in letzter Zeit kaum dazu gekommen, sich um seine ureigenste Institution,
das ABCDEFG zu kümmern. Es hiess, dass er erst vor ein paar Tagen von
seiner Indien Reise zurückgekehrt war. Ich hatte die Information aus News
of the World, das ihn daheim mit Schlagzeilen wie Ist Charles bisexuell?'
empfangen hatte. So ein Blödsinn. Jeder der den Prinzen auch nur im
geringsten kannte, wusste, dass er schlimmstenfalls asexuell war. Schön und gut, aber seit wann war meine
Praktikantin näher an unserem Chef dran als ich? Immerhin hatte
ich den
Rang eines Chief Superintendent in diesem Laden.
Ich blickte von dem Schädel, dessen Lichtreflexe, die sich in ihm
spiegelten, beinahe hypnotisch wirkten, auf.
"Solche Schädel sind so weit verbreitet wie Kristallkugeln oder Tarot
Karten." hob ich wieder an.
"Das mag schon sein. Das Original, der Mitchell - Hedges Schädel, der
1927 in Honduras gefunden wurde, wurde tausendfach kopiert." räumte
Choco ein und fuhr sich durch ihr schulterlanges schwarzes Haar.
"Aber warum interessiert sich ein anerkannte Experte wohl für Kitsch,
der in jedem Esoterik-Laden zu kaufen ist? Das ist doch eine interessante
Frage, oder?"
Ein Punkt für Choco. Das Girl machte eine rhetorische Pause und ich hob
ahnungslos die Schultern.
"Der Chef ist der Meinung, dass da mehr dahinter steckt."
Meine Augen waren wieder wie von selbst zu dem Schädel gewandert, der
aussah, als ob er irgendwie alles mithören würde, was wir sprachen.
"Das heisst doch nicht etwa, du fährst dort hin?" wollte ich
wissen.
"Doch, und zwar schon morgen!" Der Triumph in der Stimme der
dunkelbraunen Schönheit war nicht zu überhören. "Der Chef
war der Meinung, ich würde viel weniger auffallen als du."
Ich war nicht wenig vor den Kopf gestossen. Choco hatte noch nie einen Auftrag
alleine übernommen, und ausserdem war es ein Unding, mich dabei zu
übergehen.
"So geht das nicht, Ihr hättet mich informieren müssen!"
"Charles sagte, dass er dich in Kenntnis setzen würde, hat er das
nicht getan?"
"Seit er aus Indien zurück ist, habe ich nichts von ihm
gehört."
"Er ist ziemlich beschäftigt. Aber bestimmt wird er sich bei dir
melden."
Ich sah ein, dass ich nichts machen konnte. Das Girl also zum ersten Mal
alleine unterwegs und dann auch noch in Mexiko. Wenn das mal gutging.
Ich sass an meinem Schreibtisch im Hauptquartier des ABCDEFG am Victoria
Embankment und erledigte lästigen Papierkram. Draussen vor dem Fenster
herrschte ein nebliger und regnerischer März Tag. Mein Büro kam mir
an diesem Tag besonders düster und altmodisch vor und ich
fühlte mich ziemlich frustriert, dass man mich übergangen hatte. Ich
hatte immer noch nichts von Charles gehört und konnte den Prinzen auch
nicht erreichen. Zu gerne hätte ich ihm ein paar deutliche Worte gesagt.
Ich glaubte bei Alvarez Interesse eher an einen harmlosen esoterischen
Schamanen Kult, der wie so häufig nur dazu diente, den gutgläubigen
Hobby-Kultisten, oder vielmehr Kunden, das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Lichtenergie' und ähnlicher Unsinn.
Aber ich konnte mich noch glücklich schätzen, dass ich mein Büro
wenigstens für mich alleine hatte. Ein Privileg, das wir, wie ich
einräumen musste, unserem Chef verdankten. Als Ende der 60er Jahre New
Scotland Yard in den Aluminium und Glasbau am Broadway umzog, wurden die
Räume hier am Embankment frei für das ABCDEF (damals noch ohne das
G' im Namen), das gerade gegründet wurde. Das war natürlich vor
meiner Zeit gewesen. Gedanken an einem regnerischen Tag..
Vor mir stand ein Becher mit heissem Tee, den mir meine Sekretärin Linda
vor ein paar Minuten hereingebracht hatte. Ich wärmte meine Hände an
ihm und träumte ein wenig vor mich hin. Choco hatte es gut. Sicher lag sie
in der warmen Sonne und liess sich von gutaussehenden Boys umschwärmen,
während ich hier mit meiner lesbischen Sekretärin.. Mein Telefon
klingelte. Ich hob ab. Wie durch Gedankenübertragung meldete sich die
Stimme meiner Assistentin am anderen Ende.
"Hallo Joan.." Es war Choco. Ich hörte schon am Klang, dass etwas schief
gegangen sein musste. "Er ist weg!"
Ich versuchte das Girl erst einmal soweit zu beruhigen, dass sie
zusammenhängend sprechen konnte. Dann konnte ich folgende Story aus ihr
herausholen:
Tatsächlich hatte sie gleich nach ihrer Ankunft den Professor in Mexico
City getroffen. Aber nicht in dessen Institut, sondern - und da wurde ich
gleich hellhörig - in einem Strassencafe. Choco hatte ihm dort auch prompt
den Schädel übergeben und dann
"..waren da diese zwei Männer an dem anderem Tisch, welche die ganze
Zeit so verstohlen herüber geschaut haben. Und als der Professor mit dem
Koffer auf die Strasse hinaustrat, fuhr ein Leichenwagen vorbei und die zwei
Männer sind aufgestanden. Sie sind mit dem Professor in den Wagen
gestiegen und weggefahren!"
Ich fragte Choco, ob sie versucht hatte, mit Alvarez Kontakt aufzunehmen oder
das Kennzeichen des Wagens wusste. Nein, Alvarez war verschwunden.
Ich stellte nicht in Frage, dass es Kultisten waren, die Alvarez mitsamt den
Schädel mitgenommen hatten, aber ich bezweifelte sehr wohl, ob Alvarez
derjenige war, für den er sich ausgegeben hatte.
Und falls doch, so sah es für mich eher so aus, als ob er ein doppeltes
Spiel spielte. Ich musste erst einmal mit Charles reden und dann sehen, wie ich
die Sache wieder in Ordnung bringen konnte.
Es war Nacht im Dschungel. Die alte Maya Pyramide versteckte sich unter
Schlingpflanzen und Gestrüpp. Seit Jahrhunderten hatte kein Mensch mehr
seinen Fuss auf sie gesetzt. Sie war eigentlich nicht gross, nicht so gross,
wie die berühmten Bauwerke von Mexico City, aber immer noch erhob sie sich
über die Wipfel der Bäume um sie herum, als wolle sie ihre
Unbeugsamkeit gegenüber der Zeit ausdrücken. Aber heute Nacht war die
Pyramide nicht allein. Ein Fremder hatte sich eingefunden und stand vor ihrem
Fuss. Wie er den Weg gefunden hatte, war ein Rätsel und er musste wohl
Zugang zu uralten Quellen und Schriften haben, denn niemand ausser ihm wusste
von ihrer Existenz. Der volle Mond stand hoch und beleuchtete die uralten
Treppenstufen, die zu ihrer Spitze hinauf führten. Gerade so, als ob er
den Mann, einladen wollte, hinaufzusteigen. Der Fremde betrat die Treppe. In
den Händen hielt er einen grossen Gegenstand vor sich hin, der im Licht
glänzte. Langsam stieg er hinan, darauf bedacht, keinen Fehltritt zu tun.
Er war kräftig, denn der Aufstieg bereitete ihm keinerlei Mühe.
Offenbar war er vollkommen alleine gekommen, denn niemand folgte ihm. Der Mann
setzte den Gegenstand behutsam auf der Spitze der Pyramide ab und stellte sich
breitbeinig daneben, die Arme nach oben gestreckt, als wolle er den Mond
anbeten. Nun konnte man erkennen, dass er mittleren Alters war, schwarze
lockige Haare und ein markantes Gesicht hatte. Der Mann begann eigenartige
Worte in die Nacht zu rufen. Seine Stimme verklang in der Dunkelheit des
Dschungels, aber unter ihm, am Fusse der Pyramide, begann sich etwas zu regen.
Es raschelte in den Blättern. Der Geruch von feuchter Erde wurde
stärker, als sich etwas aus dem Boden heraus grub. Menschliche Gestalten
krochen am Boden, erhoben sich unsicher auf zwei Beine und verharrten, den Mond
anstarrend - und das Ding auf der Spitze der Pyramide. Der Fremde hatte die
Neuankömmlinge wohl erwartet. In ihrer uralten Sprache rief er ihnen Worte
zu, sprach zu ihnen. Er gab ihnen Befehle. Und die Gestalten gehorchten
offensichtlich, denn sie setzten sich in langsame Bewegung in Richtung eines
Leichenwagens, der auf sie wartete.
Ich hatte mich in Mexico City im Hotel de Cortes einquartiert, ein Kolonialbau
in der Avenida Hidalgo gleich gegenüber dem Alameda Park und in der
Nähe des Museo Nacional Antropologica. Das Hotel war von aussen gesehen
potthässlich, ein einstöckiger, brauner Sandsteinbau mit einem
unglaublich protzigen klassizistischen Eingang aus grauen Granit. Darüber
prangte in einer Nische eine lebensgrosse Heiligenfigur prangte und das Dach
wurde noch von einem Kreuz gekrönt. Aber das Innere war dafür
wirklich vom Feinsten. Mein Zimmer war sehr grosszügig, modern aber
gediegen möbliert und vor allem makellos sauber. Choco wohnte statt dessen
in einer kleiner Pension in der Zona Rosa, womit mein Stolz wieder ein wenig
hergestellt wurde.
Ich hatte mich in einer Ecke des gemütlichen Patio meines Hotels
niedergelassen. Vor mir stand eine Tasse Kaffee und ich betrachtete die Arkaden
und die umlaufende Galerie im ersten Stockwerk, die von wildem Wein umwuchert
wurden. Es war gegen Mittag und es herrsche eine angenehme Temperatur, nicht
wirklich warm, aber der Himmel war blau und die Sonne hatte genug Kraft, dass
man den Tag fast frühlingshaft nennen konnte. Aus irgendwelchen
Lautsprechern klang gedämpfte Mariachi Musik, die von dem Plätschern
des kreisrunden Brunnens untermalt wurde, der in der Mitte des Hofes stand. Es
wäre so schön gewesen wäre, dort einfach nur zu sitzen, aber ich
wartete auf meine Assistentin, die schon über eine halbe Stunde
überfällig war. Hatte sie sich bereits die mexikanische
Pünktlichkeit zu eigen gemacht? Bei der Lernfähigkeit des Girls
hätte ich es ihr zugetraut. Aber ah, da kam sie ja endlich!
Sehr cooles Outfit! Das musste ich ihr lassen. Wenn es hiess, das Agenten
normalerweise unauffällig gekleidet sein sollten, so war Choco das krasse
Gegenteil. Sie trug Jeans und eine blaugraue Long-Strickjacke, deren
Reissverschluss sie raffiniert oben und unten so weit geöffnet hatte, dass
sie nur in der Mitte zusammengehalten wurde. Darunter war nichts Sichtbares
ausser ihre Haut. Ein überdimensionales schwarzes Kruzifix, das mit
glitzernden Steinchen eingerahmt war, baumelte an einer langen Kette um ihren
Hals. Abgerundet wurde das Ganze von einer schief aufgesetzten braunen
Lederkappe mit Schirm und einer Kette, die von ihrem Gürtel baumelte.
Offenbar hatte sie sich von ihrer gestrigen Krise ganz gut erholt.
"Hola!" begrüsste sie mich salopp und liess sich mir
gegenüber nieder.
"Hello" gab ich zurück und trank langsam aus meiner Kaffeetasse.
Ich sah Choco an, dass sie geradezu vor Erzähldrang platzte. Ich
hörte ihr zu aber meine Aufmerksamkeit wurde von einer Gestalt angezogen,
die kurz nach ihr hereingekommen war und sich an einen der anderen Tische
gesetzt hatte. Ein alter Mexikaner, ungepflegte Erscheinung in einem hellen
Anzug, Hut tief ins Gesicht gezogen. Er bemühte sich nicht zu uns
herüber zu sehen, obwohl wir die einzigen Gäste waren. Irgendwie
wirkte er, als seien seine Klamotten nur ein Sack, in dem er steckte. Vor sich
auf den Tisch hatte er eine zusammengefaltete Tageszeitung liegen. Jeder
Anfänger musste die uralte F21 Minikamera bemerken, die darin verborgen
und auf uns gerichtet war.
Choco bemerkte meine geistige Abwesendheit und verstummte.
"Und dann bist du noch einmal ins Anthropologische Institut
gegangen?" fragte ich sie um den Faden wieder aufzunehmen.
"Ja, gestern und heute. Aber Professor Alvarez ist verschwunden.
Selbstverständlich habe ich auch seine Privatnummer versucht - er wohnt
allein - aber auch dort Fehlanzeige."
Ich lächelte "Abwarten. Vielleicht kommen sie statt dessen zu
uns."
Das Girl folgte meinem Blick zu dem Mann am anderen Ende des Patios. Der leerte
sein Getränk, stand auf und schickte sich an, das Hotel wieder zu
verlassen. Mit Choco im Schlepptau nahm ich die Verfolgung auf. Wir kamen nur
wenige Sekunden nach dem Mann auf die Strasse und konnten gerade noch sehen,
wie der Mann in einen wartenden Leichenwagen stieg, der sofort wegfuhr. So ein
Mist, wir hatten keine Möglichkeit, ihn zu verfolgen. Ich konnte mir
gerade noch das Kennzeichen merken. Aber Eines war doch seltsam: der Typ war
nicht normal zur Tür eingestiegen, sondern durch die Heckklappe..
So schnell wie möglich suchte ich nach einem Zettel, auf dem ich die
Nummer des Wagens aufschreiben konnte. Der Boy an der Rezeption unseres Hotels
half mir zum Glück weiter. Ach ja, der Boy.. Er war sehr süss, ein
wenig jünger als ich und sehr nett. Ich hätte ihn am liebsten sofort
vernascht. Aber im Moment waren wir voll mit unserem Fall beschäftigt. Ich
verschob das Vergnügen auf später und beriet kurz mit Choco, wie wir
den Besitzer des Wagens herausfinden konnten.
"Wir könnte im Yard anrufen, und uns den Besitzer ermitteln
lassen" schlug meine Assistentin vor.
"Ja toll, bis die sich mit den mexikanischen Behörden zusammengerauft
haben, das dauert doch Tage. Wir müssen schon zur hiesigen Polizei."
"Und so tun, als würden wir die Typen anzeigen?"
"Genau."
Wir liessen uns von einem Taxi zur nächsten Polizeistation bringen. Ja,
natürlich hätten wir unsere Spezialausweise verwenden können um
Amtshilfe von den mexikanischen Behörden zu bekommen. Aber einer der
Grundsätze des ABCDEFG war "keep it secret", was hiess, dass
nach Möglichkeit niemand von der Existenz unsere Abteilung oder der Dinge,
mit der sie sich beschäftigte, erfahren durfte. Also gaben wir an, dass
uns das fragliche Fahrzeug in einen kleinen Unfall verwickelt hätte. Es
war nicht unüblich, dass Touristen sich ein Auto für die Dauer ihres
Aufenthalts kauften, da dies billiger als ein Mietwagen war. Nein, Anzeige
wollten wir nicht erstatten, nur die Anschrift dieses Kerls haben, damit unsere
Macker mit ihm "reden" könnten. Die Polizisten waren von Natur
aus ein wenig skeptisch und zögerlich, was wir aber mit einer
grosszügigen "Mordida", einem Schmiergeld, leicht
überwinden konnten. Die Auskunft, die wir erhielten war, dass der
Leichenwagen einer gewissen "Union de Ancianos y Sacerdotes Indigienas de
América" gehörte.
Ich hatte zwar noch nie von diesem Verein gehört, aber jetzt waren wir ein
schönes Stück weiter gekommen.
Wir hatten uns in meinem Hotelzimmer verkrochen. Choco geistige Stabilität
war inzwischen dank mehrere Cuba Libres und Pina Coladas wieder hergestellt,
wenngleich das Girl nun ziemlich abgefüllt war. Ich studierte die
Dokumente, die ich aus dem Büro der Re-Union mitgenommen hatte,
während meine Assistentin auf der Couch lümmelte und mir leicht
lallend mexikanische Witze erzählte:
"Un anciano de 90 años llega al médico para su chequeo de
rutina.
El doctor le pregunta cómo se siente.
-Nunca estuve mejor- le responde.
-Mi novia tiene 18 años. Ahora esta embarazada y vamos a tener un hijo.
El doctor piensa por un momento y dice:
-Permitame contarle una historia:
-Un cazador que nunca se perdía la temporada de caza, Salió un
día tan apurado de su hogar que se confundió tomando el paraguas
en vez del rifle.
Cuando llega al bosque se le aparece un gran oso.
El cazador levanta el paraguas, apunta al oso y dispara.
¿A qué no sabe qué pasó?
-No sé -responde el anciano.
-Pues el oso cayó muerto frente a él
-Imposible -exclama el anciano- alguien más debe haber disparado.
-¡A ESE PUNTO QUERIA YO LLEGAR!143"
Choco hatte ein Buch mitgebracht, das ich mir unbedingt ansehen sollte. Es ging
um alte aztekische Mythen. Der Gott Huitzilopochtli , der in voller Bewaffnung
aus dem Leib seiner Mutter Coatlycue geboren worden war und mit seiner
Schwester Coyolxauhqui und seinen Brüder kämpfte, die die
Milchstrasse bewohnt haben sollen. Huitzilopochtli war von den alten Azteken
sehr verehrt worden und jahrelang in einer Art Bundeslade herumgetragen. Das
war bei ihrer Suche nach dem gelobten Land. Sahegûn, der Chronist sagt
über ihn, dass dieser Gott ein zweiter Herkules gewesen sei,
draufgängerisch, stark und kriegerisch. Ein Zerstörer der
Städte, ein Schlächter der Menschen. Er wurde er von den Mexica immer
mit Furcht behandelt. Hiess das, dass Huitzilopochtli gelebt hatte? Die Waffe
Huitzilopochtlis, die sogenannte Türkis oder Feuerschlange sollte
irgendwann in den Besitz der Azteken selbst gelangt sein und als heilige
Reliquie verehrt worden sein. Als die Spanier kamen und ihre Hauptstadt in
einer aussichtslosen Lage war, soll sie als letzte Verzweiflungshandlung einem
einsamen Krieger gegeben worden sein, der den Spaniern entgegen geschickt
wurde. Er vermochte die Waffe jedoch nicht mehr zu gebrauchen. Seitdem war das
Artefakt verschollen. Eine göttliche Wunderwaffe also. Das war alles
interessant, klang es doch wie eine mexikanische Version des Cthulhu Mythos. Ob
es uns weiterhelfen würde, konnte ich aber nicht sagen.
Ich legte das Buch beiseite und wandte mich wieder meiner Assistentin zu, die
mich mit etwas trüben Blick anschaute.
"Wenn wir uns nicht beeilen hat bald jeder Kultist in Südamerika ein
Bild von uns in der Tasche und kann uns identifizieren."
"Das Entwickeln wird etwas Zeit brauchen."
"Was ist, wenn sie einfach irgendeinen Fotoladen beauftragen?"
"Das wird kaum gehen, da diese Minikameras keine handelsüblichen
Filme verwenden."
"Dann haben die Kultisten selbst ein Labor."
"Wahrscheinlich."
Choco hatte recht. Wir konnte es uns nicht erlauben, untätig herum zu
sitzen.
Aber erst einmal wollte ich noch paar Informationen haben. Manchmal hatten die
billigsten Polizeimethoden den grössten Erfolg. Ich hatte unser
Hauptquartier in London angerufen, um die Besitzer des Leichenwagens checken zu
lassen, aber wegen der Zeitverschiebung niemand erreicht. Dafür hatte ich
Linda auf ihren Anrufbeantworter gesprochen. Nun warteten wir auf den
Rückruf.
Endlich klingelte das Telefon. Ich hob ab. "Hallo ihr Süssen!"
das war unverkennbar Linda. Sie hatte die Informationen mit Hilfe des Computers
relativ schnell herausgefunden.
Bei der Union de Ancianos y Sacerdotes Indigienas de América handelte es
sich offiziell um eine Vereinigung von 555 Indianerstämmen zwischen der
Behringstrasse und Feuerland, die mit friedlichen Mitteln für eine
"bessere Zukunft" eintraten. Für Umweltschutz, Rechte der
Indianer, spirituelle Werte, wie die "Vereinigung der Schlange mit dem
Adler" und ähnliches Bla Bla. Scheinbar ein harmloser Verein, der von
Spendengeldern lebte und den Rest an notleidende Indianer verteilte.
Schon wieder dieser Alvarez!
Ich dankte Linda für ihre schnelle Antwort und beendete das Gespräch,
nicht ohne anhören zu müssen, dass ohne uns im Büro Linda
"der tägliche Kick" fehle. Vielleicht sollte ich meine lesbische
Sekretärin wirklich langsam gegen einen Sekretär auswechseln.
Choco gähnte und legte die Ausgabe der Zeitschrift "Esotera", in
der sie gerade geblättert hatte, auf den Teewagen neben sich. "Ich
glaube, ich mache eine Siesta" sagte sie. Das brachte mich auf eine Idee,
die ich glatt übersehen hatte:
"Hey Choco, Siesta ist doch von 14 bis 17Uhr! Das heisst, wir haben noch
über 2 Stunden. Wenn die Kultisten echte Mexikaner sind, machen sie
bestimmt auch eine. Los Choco, aufgewacht, wir besuchen die Indianer
Union!"
Sie waren von überall gekommen. Von den Rocky Mountains im Nordwesten der
USA, den grossen Prärien, von der Ostküste und natürlich auch
aus Mexiko, ja sogar aus Feuerland ganz im Süden des Kontinents. Von wo
immer Professor Alvarez sie gerufen hatte. 555 Indianer Mumien, eine für
jeden Stamm. Sie waren dem Befehl gefolgt, denn das Gelüst nach Rache am
Weissen Mann war die Energie, die Jahrhunderte darauf gewartet hatte, zum Leben
erweckt zu werden. Und niemand ausser ihnen wusste von dem Versammlungsort, der
grossen Saal, der unterirdisch mitten in Mexiko City gelegen war. Einige
Fackeln - elektrisches Licht wäre ein Stilbruch gewesen - warfen ein
unstetes Licht auf die reglosen Mumien. Jede trug die traditionelle
Stammestracht und die meisten, nein, fast alle waren Häutplinge mit vollen
Ehrenabzeichen. Da waren Federn, Runenstäbe, Raubtierfelle, mit denen sie
ihre dürren, ausgetrockneten Körper schmückten. Morgen, am 15.
März, würde ihr Schicksal erfüllt werden, würden sie die
ultimative Waffe zurück erhalten, mit der sie den gesamten amerikanischen
Kontinent zurückerobern würden. Der unterirdische, in den Felsen
gehauene Raum war schön kühl und trocken. Hier konnten sie es
aushalten. Noch harrten sie geduldig aus, aber in ihren toten Augen war hin und
wieder ein Glitzern der Vorfreude zu sehen..
Choco hatte darauf bestanden, mit zum Anthropologischen Institut zu fahren, das
zum Glück lange genug geöffnet hatte. Also schleppte ich das immer
noch etwas unsicher auf den Beinen stehende Girl in die Empfangshalle mit dem
riesigen runden Sockel in der Mitte, auf dem neben Blumentöpfen auch ein
paar indianische Kunstwerke standen. Meine Assistentin war zwar schon vor mir
hier gewesen, aber im Moment keine grosse Hilfe. Vielleicht war es keine so
gute Idee gewesen, die Nerven der jungen Studentin mit Alkohol zu beruhigen.
Ich studierte einen Wegweiser zu den verschiedenen Abteilungen des Museums:
Olmeken, Tolteken, Mayas, Azteken, Zaptoken .. Ich fragte meine Assistentin,
welches Gebiet Professor Alvarez hatte.
"Äh. Azteken. - Glaube ich zumindest" nuschelte Choco. Also gut.
Das Institut schloss ohnehin in einer Stunde.
Choco zeigte mir den Weg. Der Trakt mit den Büros der Angestellten war
eine Stunde vor der Schliesszeit bereits verlassen. Wir machten vor einer
unscheinbaren Türe halt; ein Schild trug den Namen Prof. Dr. Federico
Alvarez. Ich klopfte an. Keine Antwort. Ich drückte die Klinke - es war
abgeschlossen. Nun, damit hatten wir rechnen müssen. Ich besah mir das
Türschloss: es war ein Knaufzylinderschloss - nichts zu machen ohne
Werkzeug. Wie sollten wir da hineinkommen?
Wie so oft half uns der Zufall, diesmal in Form einer Putzfrau, die mit ihrem
Wägelchen um die Ecke kam. Seit der Geschichte mit den Todesputzen (siehe
DIE TODESPUTZEN VON LONDON) hatte ich eine Abneigung gegen Reinigungspersonal
jeder Art, aber diesmal war die Tante ein Geschenk des Himmels. Ich sprach sie
an und machte ihr weis, wir seien Studentinnen von Alvarez und müssten
dringend ein paar Hefte aus dem Büro holen, ob sie uns nicht aufsperren
könnte. Die Alte kam dem ohne ein Wort zu sagen nach während ich sie
misstrauisch beobachtete.
Choco und ich schlüpften in das Zimmer. Viel Zeit konnten wir uns nicht
lassen, ohne Verdächtig zu werden. Ich ging um den Schreibtisch herum und
zog die Schubladen heraus. Vielleicht konnte ich ja einen Hinweis finden. Also
dieser Alvarez! Die Schubladen quollen über vor schmutzigen Heftchen.
Dieser Mann war nicht nur wahrscheinlich ein Kultist sondern auch ganz sicher
pervers.
Ein paar Unterlagen auf seinem Schreibtisch fielen mir ins Auge. Es handelte
sich um einen Plan einer archäologischen Ausgrabung auf dem Gelände
des Convento de Santiago in D.F. Was war D.F.? Wir würden das später
herausfinden.
In diesem Moment passierten zwei Dinge gleichzeitig: zur normalen
Eingangstüre des Büros schob sich die Putze von vorhin mit ihrem
Wagen herein - wahrscheinlich war sie nur neugierig, was wir hier machten.
Gleichzeitig ging die Türe zu einem Nebenraum auf, die ich ganz
übersehen hatte und unser Azteke im Anzug mit der Kamera kam heraus.
Eigentlich wäre der Anblick des Hutzelmännchens, das aussah, als habe
es 10 Jahre in der Sonne gelegen, witzig gewesen, hätte es nicht eine
uralte Tokarow 7,62mm mit Schalldämpfer in der Hand gehalten.
Der Azteke zögerte keinen Moment, abzudrücken. Aber genau das war
sein Fehler.
Statt uns durchsiebte er die arme Muchacha, die ihr gesamtes Zubehör
inklusive Putzeimer mit sich umriss und einen Höllenlärm sowie eine
Überschwemmung verursachte.
Ich hatte gerade genug Zeit um mich auf den Angreifer zu stürzen und mit
einem brutalen Power Slam auf den Rücken zu knallen - allerdings mit dem
Nebeneffekt, dass ich nun auf ihm lag und er vor meinen Augen mit seiner Waffe
herumfuchtelte.
"Caramba!" kommentierte Choco und kickte dem Typen
geistesgegenwärtig die Knarre aus der Hand. "Chicas americanas
malditas!" bekam sie in heiserem Tonfall von der Mumie zurück, was
mich ein wenig wunderte, dass der alten Knochen so moderne Ausdrücke
beherrschte. Unser Gegner war verteufelt lernfähig!
Ich rappelte mich wieder hoch, packte den erstbesten Gegenstand, der mir in
Reichweite war - einen Schrubber - und drosch ihn der Mumie über den
Schädel. Jeder Mensch wäre unter diesem Schlag bewusstlos geworden,
aber mein Gegner war kein Mensch! Das Dörrobst krallte sich den Besenstiel
und versuchte ihn mir aus den Händen zu reissen; die Kraft, die der Untote
dabei entwickelte, war erstaunlich. Er zog sich an heran, so dass er wieder zum
Stehen kam und ich roch seine ledrige Haut - das war zwar nicht gerade der
Axe-Effekt, aber in der Wirkung vergleichbar, dass mir übel wurde und ich
loslassen musste.
Zum Glück war aber Choco auch nicht untätig gewesen und hatte die
Tokarow aufgehoben. Jetzt ballerte das Girls darauf los. Das war verdammt
riskant, trennten mich doch nur wenige Zentimeter von dem Monster. Durch den
Schalldämpfer hörte es sich an, als würden reihenweise
Sektflaschen entkorkt. Eine kleine Party im Büro von Professor Alvarez?
Hoffentlich würden das die Ohrenzeugen denken.
Die Mumie kam jedenfalls gar nicht mehr zum Denken sondern wurde regelrecht
zerfetzt.
Die Kugeln schlugen fast ungebremst in die gegenüberliegende Wand ein und
nur der Umstand, dass es offenbar verminderte Ladungen waren, verhinderte, dass
sie durchschlagen wurde.
Der alte Azteke landete abermals auf dem Boden. Ich sprang zurück. Die
Tokarow klickte noch einmal - leer geschossen. Doch dann geschah wieder, woran
ich mich nie gewöhnen würde: die Mumie, zerfetzt wie sie war, bewegte
sich und begann sich unbeholfen erneute aufzurichten. Es war gnadenlos. Ihr
Kopf war nur noch teilweise vorhanden und der Sakko sah noch lächerlicher
aus, wies er doch mehrere Löcher auf.
Sie machte einen unbeholfenen Schritt auf mich zu, rutschte aber auf dem
Seifenschaum aus, der den halben Fussboden überflutete. Dann drehte sie
sich grotesk um die eigene Achse und krachte gegen Alvarez' Schreibtisch, den
gesamten Inhalt mit sich reissend und einen Arm verlierend, der schon halb
abgeschossen war.
"Caracho!" Choco schien wirklich Spass bei der Sache zu haben.
Endlich hatte ich Luft, meine Vector aus der Handtasche zu holen um dem Monster
seine verdiente Silberkugel zu geben, aber es war gar nicht mehr nötig:
das Putzwasser auf dem Boden wurde von der ausgetrockneten Gestalt wie von
einem Küchentuch aufgesogen und verwandelte sie in einen matschigen Brei.
Die Mumie bewegte sich noch ein wenig, wobei sie sich in Tausende Fussel
auflöste und daraufhin kehrte endlich Ruhe ein. Nur die Finger an dem
abgetrennten Arm klopften noch einen Rhythmus auf die Schreibtischplatte
"Ta Dam Da Da Da Tam, Ta Dam Da Da Da Tam" - es war
"Thriller" von Michael Jackson!
Angewidert steckte ich das Ding in den Aktenvernichter, wo es zu Konfetti
verarbeitet wurde. Ich konnte Michael Jackson noch nie leiden.
In der Pampe, die von dem Azteken übriggeblieben war, steckte die
Minikamera, mit der er uns heimlich gefilmt hatte. Voller Ekel fischte ich das
Ding mit spitzen Fingern heraus und versuchte an den Film heranzukommen. Zum
Glück ging der Deckel leicht zu öffnen und der auf halbe Breite
zurecht geschnittene Kleinbildfilm brauchte nur herausgezogen zu werden um ihn
unbrauchbar zu machen. Dann warf ich das Ding in die Ecke.
Alvarez Büro war völlig verwüstet. Für die arme Muchacha
konnten wir nichts mehr tun. Ich hasste es, wenn Unbeteiligte zum Opfer fielen,
aber genauso gut hätte ich oder Choco an ihrer Stelle liegen können.
Das waren eben die Verluste, mit denen man jederzeit im Kampf gegen den Mythos
rechnen musste. Da wir jeden Moment entdeckt werden konnten, machten wir und so
unauffällig wie möglich davon.
Wir wollten das Museo nicht überstürzt verlassen um keinen Verdacht
zu erregen und schlenderten deshalb noch ein wenig durch die Aztekische
Abteilung. Choco hatte sich auf einer Bank vor einem aztekischen Artefakt, das
die Wand gegenüber einnahm niedergelassen und ruhte sich aus. Ich streifte
durch die Flure, betrachtete ebenfalls aztekische Kunst und versuchte, eine
Inspiration oder Information zu bekommen, die mir weiterhelfen würde. Um
diese Zeit waren wir die letzten Besucher. Ich hatte immer noch keine
Erklärung, was diese Mumien, mit denen wir es zu tun hatten genau
darstellten.
Irgendwie fand ich die Ausstellung beunruhigend. Diese Götter! Coatlycue,
Xochipilli, Quetzalcoatl, Huitzilipochtli und wie sie alle hiessen - das waren
doch eindeutig cthulhoide Namen. Und ich fand, die aztekische Kunst hatte
eindeutig etwas ausserirdisches an sich. Ich erinnerte mich, dass es jede Menge
Theorien gab, dass die Azteken Kontakt zu Besuchern aus dem All gehabt hatten.
Jedem, der auch nur ein wenig Ahnung vom Cthulhu Mythos hatte, mussten in
Angesicht dieser Dinge die Haare zu Berge stehen! Kein Wunder, dass Mexiko als
eines der heissesten Pflaster der Welt angesehen wurde. Ich bedauerte, dass ich
das Necronomicon nicht mehr hatte. In ihm hätte ich bestimmt einen Hinweis
finden können, der mich weiter gebracht hätte. Aber das sagenhafte
Buch befand sich wieder in den Händen von Abdul Alhazred, der es mir in
Ägypten abgenommen hatte (siehe die Episode INVASION DER MUMIEN). Aber ich
war mir sicher, dass hier etwas vor sich ging, das gefährlich war.
Gefährlich nicht nur für Mexico City, Mexiko oder Südamerika,
nein, für die ganze Welt.
Ich begab mich zu Chocos Platz und setzte mich neben sie. Gegenüber der
Bank stand eine riesige Scheibe aus rotem Gestein, aus deren Mitte mir das
Gesicht eines Götzen frech seine Zunge herausstreckte. Darum waren
kreisförmige Symbole angebracht; manche sahen wie Adlerfedern und
Schlangen aus... ".. Die Vereinigung der Schlage mit dem Adler.."
hatte das nicht Linda am Telefon erwähnt?
Auf einem Ständer neben dem Artefakt war eine Tafel mit einer
längeren Erklärung angebracht. Ich beschloss, dass ich mir das zum
Abschluss näher ansehen wollte:
Der Stein der Fünften Sonne
Der Kalenderstein besteht aus Olivinbasalt, mit einem Durchmesser von 3,75
Meter und ist ca. 24,5 Tonnen schwer. Der Stein wurde 1790 bei Bauarbeiten
entdeckt. In der Mitte sieht man das Gesicht des Sonnengott Tonatiuh, mit
seinen blonden Haaren und den roten "Falten" um die Augen. Seine
herausgestreckte Zunge symbolisiert ein Obsidian Messer , das bei der
Opferzeremonie mit Blut benetzt wurde um dem Gott Kraft zu geben. Eingerahmt
wird das Göttergesicht von Symbolen für die vergangenen Zeitalter:
Jaguar, Regen, Sonne, Wasser und Wind, sowie den Symbolen der vier
Himmelsrichtungen.
Ein Ring mit 20 Tageszeichen, den Bausteinen des Aztekenkalenders, umringt den
Sonnengott:
|
Tag
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Symbol
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Gott
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1
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Krokodil (cipactli)
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Tonacatecuhtli, Herr der Erhaltung
|
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2
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Wind (ehecatls)
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Quetzalcoatl, die Gefiederte Schlange
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3
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Haus (calli)
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Tepeyollotli, das Herz des Berges
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4
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Eidechse (cuetzepalin)
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Hueyhuecoyotl, der Alte Kojote
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5
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Schlange (coatl)
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Chalchiuhtlicue, die Wassergoettin
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6
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Tod (miquiztli)
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Tecciztecatl, der Mondgott
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7
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Hirsch (mazatl)
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Tlaloc, der Regengott
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8
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Kaninchen (tochtli)
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Mayahuel, die Goettin des Pulque
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9
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Wasser (atl)
|
Xiuhtecuhtli, der Feuergott
|
|
10
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Hund (itzcuintli)
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Mictlantecuhtli, Herr der Unterwelt
|
|
11
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Affe (ozomatli)
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Xochipilli, Prinz der Blumen und der Musik
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12
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Gras (malinalli)
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Patecatl, Gott der Heilkunst
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13
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Rohr (acatl)
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Tezcatlipoca, Herr des rauchenden Spiegels
|
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14
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Jaguar
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(ocelotl) Tlazolteotl, Goettin der Liebe und des Schmutzes
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15
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Adler (cuauhtli)
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Xipe Totec, der gehaeutete (oder auch der geschundene) Herr
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16
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Geier (cozcaquauhtli)
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Itzpapalotl, der Obsidianschmetterling
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17
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Bewegung (ollin)
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Xolotl
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18
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Feuerstein (tecpatl)
|
Tezcatlipoca, Herr des rauchenden Spiegels
|
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19
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Regen (quiauitl)
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Chantico, Goettin des Herdes
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20
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Blume (xochitl)
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Xochiquetzal, Goettin der Blumen
|
Der Schmuckring folgt auf den Ring der Tageszeichen, und symbolisiert den hohen
Wert der Sonne: stilisierte Adlerfedern, Blutstropfen, Edelsteine und
Sonnenstrahlen. Den Rahmen des Kalendersteins bilden zwei
"Türkisschlangen", aus ihren Schlünden blicken der
Feuergott Xiuhtecutli und Tonatiuh, der Sonnengott. Aus den
Schlangenkörpern schlagen Flammenbündel nach oben als Symbol der
heißen Sonne. Genau oben schließlich weisen die Schwänze der
Schlangen auf ein Quadrat, in dessen Innerem ein letztes Tageszeichen
erscheint. Anscheinend lebten die Azteken allerdings nach dem Sonnenjahr
"xihuitl", das aus 365 Tagen - 18 Abschnitten mit jeweils 20 Tagen
und 5 "Überschüssigen" bestand, diese so genannten
"nemontemi" galten als unheilvoll.
Ich fand, der Kalender der Aztekten war logischer als der Julianische, der bei
uns in Gebrauch war. Dass eine Eidechse das Symbol für einen Kojoten
darstellte, war andererseit wieder so eine typische Logik der Azteken, aber ich
nahm es nur zur Kenntnis. Ebenso, dass die Göttin der Liebe gleichzeitig
die des Schmutzes war. Aber der morgige 15.3. war demnach der Tag des Xipe
Totec, des gehäuteten Herrns. Des Adlers. Und die Schlange war dem Wasser
zugeordnet. Wasser, das stand für Cthulhu. Noch ein Puzzlestein in dem
Rätsel, das ich nicht lösen konnte. Heute war der 14. Da das Museum
jetzt jeden Moment schliessen würde, war es an der Zeit, sich aus dem
Staub zu machen.
Wir waren unbehelligt aus dem Gebäude herausgekommen und mit einem Taxi
auf dem Weg zurück in mein Hotel. Eigentlich waren wir beide völlig
erschöpft, aber ich war überzeugt, dass wir nur noch diese Nacht
hatten, um das Rätsel zu lösen. Das waren meine Gedanken, als wir die
kurze Strecke zwischen Chapultepec und Alameda Park chauffiert wurden und ich
aus dem Fenster im Fond des Taxis sah. Menschen, Taco-Buden, Geschäfte,
ein Zeitungsstand flogen an mir vorbei. Plötzlich befahl ich dem Fahrer
anzuhalten. Ich riss die Türe auf und sprang aus dem Wagen. Da war es! Auf
der Schlagzeile der Zeitung vor mir prangten die Buchstaben D.F. ! Ich
überflog den Artikel - der Inhalt war mir so gut wie egal. Wie hatte ich
so blind sein können: die Buchstaben D.F. standen für Distrito
Federal, also Mexico City! Das hiess, das Convento de Santiago musste hier in
der Stadt sein.
Ich stieg wieder ein und gab dem Fahrer die Order uns, zum Convento de Santiago
zu fahren!
Das Convento de Santiago entpuppte sich als alte spanische Kolonialkirche.
Früher musste wohl einmal ein Kloster dazugehört haben, aber es war
nichts mehr davon zu sehen. Jetzt war es nur noch eine der vielen Kirchen, die
für ihre Colonia, den Stadtteil zuständig war, der hier nicht gerade
zu den reichsten von Mexico City zählte. Wir stiegen die wenigen Stufen
hinauf, die zum Eingang führten. Das schwere Holztor war unverschlossen.
Choco und ich betraten das Innere. Draussen wurde es langsam dunkel, so dass
ein düsteres Zwielicht in dem Gotteshaus herrschte. Vielleicht wäre
die historische Ausstattung beachtenswert gewesen, aber uns interessierte mehr
die archäologische Ausgrabung, die unübersehbar an einer Seite des
Kirchenschiffes lag. Von Weitem sah sie nur wie eine rechteckige, etwa 2 mal 3
Meter grosse Aushebung aus, die mit ein Seilen gesichert war. Choco und ich
traten näher. Da waren Stufen, die in die Tiefe führten. Uralte
Stufen, die Jahrhunderte lang unentdeckt unter den Steinfliesen der alten
Kirche geschlummert hatten.
Ich sah mich kurz um, ob niemand in der Nähe war und warf einen kritischen
Blick auf meine Assistentin. Das Girl war zum Glück fast wieder
nüchtern. Wir überstiegen die Absperrung und betraten vorsichtig die
ausgetretenen und unregelmässigen Stufen. Schon nach wenigen Schritten
umgab uns völlige Dunkelheit und es hätte keine Sinn gehabt,
weiterzugehen, hätte ich nicht eine kleine LED Taschenlampe in meiner
Handtasche dabei gehabt. Das Licht war nicht besonders hell, aber es reichte,
dass wir den Weg fanden. Ich ging voran.
Die Treppe war zum Glück nicht sehr lang und mündete in eine Krypta,
deren Tonnengewölbe offenbar aus dem rohen Felsen gehauen war. Es war
kühl und muffig. Aber auch vollkommen leer. Ich wunderte mich schon, was
es hier Interessantes geben sollte, als ich den niedrigen Durchgang an der
gegenüberliegenden Seite entdeckte. Ich wollte die Öffnung gerade
untersuchen und leuchtete hinein. Eine Art Tunnel, nicht besonders
geräumig, aber dafür tief lag vor mir.
Plötzlich stiess Choco einen erstickten Schrei aus. Im gleichen Moment
bewegte sich etwas vor mir und zog mich zu sich in die Öffnung hinein.
Hände umklammerten meine Arme und im Licht der Lampe, das wild umher
tanzte, sah ich die verzerrte Fratze einer dieser Azteken Mumien. Ich
versuchte, ihren Griff abzuschütteln. Für einen Augenblick gelang es
mir auch, aber da wurde ich schon von hinten um die Taille gepackt. Ich trat
mit einem Bein aus und traf, aber nun konnte mich mein vorderer Angreifer
endgültig aus dem Gleichgewicht bringen und ich fiel äusserst
schmerzhaft auf das Knie meines Standbeins. Bei dem Aufprall schlug ich mir
auch noch die Handknöchel am Boden auf und verlor die Lampe. Jemand zog
mich nun von hinten an den Beinen aus dem Loch wieder heraus, während von
meinem vorderen Angreifer nichts mehr zu sehen war. Ich strampelte so gut es
ging, aber schon packte ein drittes und viertes paar Hände nach meinen
Armen und hielt mich fest. Verdammt, es waren einfach zu viele!
Wir waren in eine Falle gegangen.
Stundenlang hatten wir in Finstern in auf dem kalten Steinboden des
unterirdischen Verlies gelegen, in das uns die Indianer-Mumien geschleppt
hatten. Mir war immer noch nicht klar, ob sie uns in der Krypta erwartet
hatten, oder ob wir ihnen nur zufällig in die Arme gelaufen waren. Na ja,
war ja auch egal. Meine Glieder waren im Laufe der Zeit durch die Fesseln
vollkommen steif geworden - dabei konnte ich SM & Bondage noch nie leiden. Ich
wollte Choco schon fragen, ob sie etwas dafür übrig hatte, als die
Türe aufging, und ein paar von den Azteken Zombies hereinkamen. Diesmal
hatten sie sich richtig chic gemacht und ich ahnte gleich, dass sie etwas
Besonderes vor hatten: statt ihrer schlabbrigen Anzüge trugen sie
Lendenschurze, Amulette und bunte Federn. Ihre Körper hatten sie mit
grellen Farben bemalt und in den Händen hielten sie doch tatsächlich
Fackeln statt Taschenlampen! In dieser Montur hätte sie glatt als
Touristenattraktion auf dem Zocalo, dem Zentralplatz von Mexico City auftreten
können. Von der Brust des Vordersten baumelte mein Elder-Sign
Schlüsselanhänger. Damit war schon einmal klar, dass die Bande keine
cthuloiden Geschöpfe waren, denn ein Elder Sign meiden Mythoswesen wie der
Teufel das Weihwasser. Aber der Mann sah ja auch gar nicht wie eine Mumie aus.
Er war viel kräftiger, die Haut straff, das Haar nicht verfilzt, sondern
schwarze Locken, etwa Mitte Vierzig und gar nicht übel aussehend. Nur
seine triumphierende Miene und das irre Leuchten in seinen Augen machten ihn
mir sofort unsympathisch.
"Professor Alvarez!" rief Choco aus.
"Hola! Ich bin sehr erfreut, Sie und ihre reizende Freundin als Gäste
bei unserer Zusammenkunft dabei haben zu dürfen. Aber was sage ich
Gäste! Ihnen, meine verehrten Damen, ist eine der Hauptrollen
zugedacht!" Alvarez grinste dreckig.
Wir wurden gepackt, hochgehoben und hinaus in einen engen und niedrigen Gang
geschleppt. Der Gesichtsausdruck der Zombies war eindeutig lüstern. Dass
uns diese Trockenindianer vergewaltigen konnten bezweifelte ich, blutleer wie
sie waren. Aber dann fielen mir die uralten Aztekischen Opfer Rituale ein mit
Herz herausschneiden und so..
"Professor Alvarez, Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass die Opfer
immer Freiwillige waren?" versuchte ich ihn hinzuweisen.
"Oder Gefangene." war die trockene Antwort, aus der ich ein wenig
Belustigung heraus hörte.
"Wir sind britische Beamtinnen. Es wird nicht nur diplomatische
Verwicklungen geben, wenn sie uns etwas antun. Man wird nach uns suchen,
ermitteln und auf Ihre Spur kommen. Die britische Krone verzeiht nie! Sie
schaufeln sich nur ihr eigenes Grab. Wenn Sie uns jetzt gehen lassen,
können Sie aus der Sache noch herauskommen." Meine Versuche, den Kopf
aus der Schlinge zu ziehen, waren zugegebenermassen schwach.
Aber Alvarez antwortete nicht mehr. Wir wurden in einen grossen Saal gestossen,
der ebenfalls von Fackel beleuchtet war.
Ein Raum, der aussah wie ein Theater, jedenfalls musste ich als erstes an eines
denken, als ich ihn zum ersten mal erblickte. Ein Theater, das vor langer Zeit
unterirdisch in den Felsen gehauen war, oder zumindest eine natürliche
Höhle, von Menschen erweitert. Der vom anderen Ende her leicht abfallende
Boden endete auf einer Bühne, auf der wir herauskamen. Aber der technische
Fortschritt hatte auch vor ihm nicht Halt gemacht: an der Decke und den
Wänden schlängelten sich Stromkabel und Rohre, die zur Versorgung des
Stadtviertels gehörten, in dem wir waren, so dass das Ganze wie ein
bizarres Endzeitgemälde von Louis Royo wirkte. Zumindest die Stadtwerke
hatten den Saal bereits entdeckt und nutzten ihn als billige Verteilerstation.
Wozu hatte der Raum nur früher gedient? Bestimmt hatten hier irgendwelche
Vorführungen stattgefunden. Und heute war das Publikum auch wieder
anwesend.
Es waren Hunderte. Ich sah Federschmuck, Irokesenfrisuren, Speere, bunte
Klamotten. Die grosse Zusammenkunft der Indianerstämme. Aber es waren
keine normalen Indianer. Dies waren Mumien, von Alvarez wiederauferweckte Tote,
die auf irgendeine, mir völlig schleierhafte Weise hierher gefunden
hatten. Und sie standen regungslos da und warteten auf uns. Und da war noch
etwas, was mir gar nicht gefiel: auf der Bühne befand sich ein grosser
kugelförmiger Stein. Dies konnte nur ein Tichatl der alten Azteken sein.
Und ein Tichatl diente, soviel ich wusste, keinem anderen Zweck, als Menschen
darauf zu opfern. Neben dem Stein stand völlig stillos ein fahrbarer
Metalltisch, der mit einem weissen Tuch zugedeckt war und an ein Utensil aus
einem Operationssaal erinnerte. Ich konnte mir denken, was sich darunter
befand.
Während unsere Bewacher uns eisern festhielten, erhob Alvarez feierlich
das Wort. "Meine Brüder von Feuerland bis zur Behringstrasse!"
Ihr seid ihr hierher gekommen, da die Zeit reif ist. Die Zeit ist reif, die
Jahrhunderte alte Schmach und Unterdrückung, die uns durch die verfluchten
Weissen Männer widerfahren ist, wieder gut zu machen! Und dann noch die
globale Erwärmung, das Sterben des Great Barrier Reef vor Australien, die
Umweltverschmutzung im Yellowstone Nationalpark, die Ausrottung der Bisons, die
Zerstörung des Regenwaldes, die auch durch lächerliche
Bier-Spenden-Aktionen aus Alemania nicht aufgehalten wird, sowie das Aussterben
des mexikanischen Querzahnmolchs Axolotls! Wir waren einst frei! Und frei
werden wir wieder sein! Lange war er fast vergessen, aber auch er hat nur
gewartet: Xipe Totec, in seiner unendlichen Weisheit und Güte hat mir, Don
Federico Alvarez, den Auftrag gegeben, Euch, meine Brüder zu versammeln,
damit er unter uns treten könne. Unter seiner Führung und mit seiner
göttlichen Hilfe, werden wir die Türkisene Schlage wieder
erhalten."
Erstmals ging so etwas wie Bewegung durch die Versammelten Zombies. Oh Gott,
die Geheimwaffe aus der alten Legende! Wir sollten geopfert werden, damit diese
Mumien nach fast 500 Jahren Rache am Weissen Mann nehmen konnten.
Choco sollte zuerst daran glauben. Die Monster zerrten sie zu dem Opferstein
und legten sie mit dem Rücken darauf, so dass meine Assistentin
darüber gespreizt hing, was normalerweise etwas überaus Aufreizendes
gehabt hätte, in dieser Situation aber nur äusserst demütigend
war. Alvarez ging zu dem Tisch und zog mit einer theatralischen Geste das Tuch
fort, das ihn bedeckte. Darunter befand sich natürlich nichts anderes, als
der Kristallschädel, der der Auslöser unseres Abenteuers gewesen war.
Und daneben lag ein übel aussehendes langes Ritualmesser, über dessen
Zweck ich nicht lange nachdenken brauchte.
Choco versuchte den Kopf zu drehen, um mehr von Alvarez zu sehen, was ihr aber
aufgrund der Fesseln kaum gelang.
Die Augen des Artefaktes blickten auf die versammelte Menge herab. Der
verrückte Professor stellte sich nun hinter den Schädel und
intonierte eine Beschwörung in der Sprache der alten Azteken, die vor
lauter "X", "Qs" "ochtlis" und "chtlis"
nur so strotzte. Die Augen des Schädels begannen langsam von innen heraus
zu glühen. Bestimmt ein Trick, der mit Lasern erzeugt wurde, die irgendwo
im Hintergrund versteckt waren und genau ausgerichtet waren. Ich suchte den
Raum ab, konnte aber nichts entdecken. Die Versammlung begann den Namen Xipe
Totec zu murmeln. Etwas bahnte sich an..
Alvarez nahm feierlich das Ritualmesser und näherte sich Choco, die sich
in ihren Stricken wand, aber keine Chance hatte, sich zu befreien. Genussvoll
senkte er die Spitze des Mordinstrumentes genau zwischen ihre kleinen,
wohlgeformten Brüste und ritzte die Haut etwas, so dass eine dünne
Blutspur entstand. Ein Raunen ging durch die Menge und die Blicke der alten
Indianermumien wurde noch lüsterner als sie ohnehin schon waren. Ich war
zwar auch wie Choco gefesselt, aber ich musste etwas tun!
"Xipe Totec - Xipe Totec - Xipe Totec"
Ich rempelte den Wächter links von mir an und warf mich dann auf den
rechts von mir stehenden. Zusammen gingen wir zu Boden. Ich hatte schwach
gehofft, dass durch diese Aktion meine Fesseln sich lockern würden und ich
mich befreien könnte, aber ich lag einfach nur schmerzerfüllt da und
zerrte an den Fesseln, die keinen Millimeter nachgaben.
"Alvarez! Sehen Sie nicht, das Mädchen ist doch selber
Südamerikanerin!" schrie ich, was mir nur einen Fusstritt der Wachen
einbrachte, der mir die Luft raubte. Inzwischen hatte das Grauen eine weitere
Dimension angenommen, denn die Augen des Kristallschädels sendeten zwei
Lichtstrahlen über die Köpfe der Menge aus, die sich im Hintergrund
verloren. War das etwa doch echt? Ein Fuss stellte sich auf meinen Nacken und
drückte mich in den Staub, aber Alvarez war zumindest etwas aus dem
Konzept gebracht worden. Er legte das Ritualmesser auf den Tisch neben dem
Schädel zurück und gab seinen Wachen einen Wink. Zwei der Kerle
packten Choco grob an und hoben sie von der Steinkugel herunter. Der Fuss
verschwand aus meinem Nacken und meine zwei Bewacher machten Anstalten, mich an
ihre Stelle hochzuheben.
Jetzt oder nie! Mit einer schnellen Drehung des Kopfes biss ich meinem Peiniger
in die Fessel. Es war ein Gefühl, wie wenn man in ein mürbes
Gingerbread beisst. Und auch der Geschmack war ähnlich: die Mumie
schmeckte nach Kardamom, Ingwer und Haselnüssen. Meine Attacke war aber
erfolgreich, denn das Monster verlor das Gleichgewicht und krachte zu Boden,
eine ebenfalls nach Gewürz riechende Staubwolke von sich gebend. Ich war
zwar immer noch gefesselt, aber mit einer Krümmung meines gesamten
Körpers manövrierte ich mich an den Rolltisch mit dem
Kristallschädel heran. Und dann ergriff ich die einzige Chance, die wir
noch hatten, hier lebend herauszukommen. Ich zog meine Beine an und trat so
kräftig ich konnte gegen den Rollwagen. Der setzte sich in Bewegung und
raste auf die Wand zu, an der einige marode Wasserleitungen entlang liefen.
Der Rollwagen krachte gegen eines der Rohre. Es hielt - das war unsere letzte
Chance gewesen.
Aber dann nahm ich wahr, wie am Ende des Rohres, wo es mit dem nächsten
verbunden war, ein Wasserstrahl aus dem Flansch herauskam. Der Strahl wurde
schnell stärker und schliesslich zerbrach die Rohrverbindung und eine
riesige Wasserfontäne schoss mit vollem Druck mitten in den Saal.
Wir hatten die verheerende Wirkung von Nässe auf die Mumien bereits in
Alvarez Büro kennengelernt und hier war sie nicht anders. Die
Dörrindianer wichen mit einem Aufschrei aus 555 Kehlen vor dem
Wasserschwall zurück. Der Kristallschädel, der sich auf dem Tisch
befunden hatte, war auf den Boden gefallen und in Tausend Splitter zersprungen.
Die Mumien versuchten aus dem Raum zu entkommen, aber das Wasser spritzte und
sprudelte mit solcher Gewalt, dass sie keine Chance hatten. Der Boden war zwar
erst ein paar Zentimeter hoch überschwemmt, aber das Wasser löste
zuerst ihre Füsse auf! Das hatten sie nun davon, dass sie in ihrer
Ethno-Kluft keine vernünftigen Schuhe trugen. Einer nach dem anderen
stürzte und löste sich langsam in den Fluten auf, die sich in eine
unappetitliche Brühe verwandelten.
Alvarez stand völlig fassungslos da und rang sichtlich nach Luft. Aber da
war noch jemand. Hinter ihm stand eine Gestalt gebückt, in einer
schäbigen braunen Kutte. Nein, das war keine Kutte, es war die Haut eines
Menschen, die sich die Gestalt übergeworfen hatte! Ihr Gesicht war von
meiner Position aus nicht zu sehen, aber ich war auch ganz froh darüber.
In ihren Händen ruhte eine längliche, kompliziert gemusterte Stange,
die wie eine türkisene Schlange aussah. Sollte Alvarez, dieser Vollidiot,
doch noch seine Wunderwaffe bekommen? Das durfte nicht sein!
Alvarez wachte endlich aus seiner Erstarrung auf und bemerkte die Gestalt, die
hinter ihm stand. Er drehte sich um und seine wütende Fassungslosigkeit
machte blankem Entsetzen Platz. Vielleicht hätte er auch nicht gerade ein
Elder Sign tragen sollen, denn das kam bei Cthuloiden Gottheiten nicht
besonders gut an. Und so war es auch: die Erscheinung richtete die Waffe genau
auf Alvarez. Ein blaugrüner Strahl zuckte auf und traf Alvarez genau an
der Stelle, wo mein Elder Sign hing. Das Amulett konnte seinen Träger
nicht schützen: Alvarez löste sich förmlich in Luft auf, ohne
noch einen Schrei von sich geben zu können. Und auch der geheimnisvolle
Azteke war so schnell verschwunden, wie er erschienen war.
Die Rache der Azteken war im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen.
Zurück blieb nur mein Elder Sign auf dem Boden.
Es war nur eine Frage der Zeit und Hartnäckigkeit gewesen, bis Choco und
ich uns aus unseren Fesseln befreien konnten. Das Ritualmesser, das inmitten
der Scherben des Kristallschädels lag, hatte uns dabei gute Dienste
geleistet. Von den Mumien war nichts mehr zu sehen, einige waren wohl
entkommen, aber das Wasser, das immer noch sprudelte und inzwischen den Rand
der Bühne erreicht hatte, wäre auch für uns ein Problem
geworden. Zumindest waren wir beide nass bis auf die Knochen. Wir hatten den
Weg durch die unterirdischen Gänge zurück ins Convento de Santiago
gefunden und waren von dort aus in mein Hotel zurückgekehrt.
Während ich mich schon in meinem Bademantel kuschelte, war Choco immer
noch im Badezimmer beschäftigt.
"Diese Feuerschlange.." rief sie zu mir heraus "..irgendwie
erinnert mich die Wirkung an den Dämonenzerstäuber. Es würde
mich echt interessieren, wie das Ding so kompakt sein kann. Ausserdem welche
Energiequelle die wohl benutzt haben." Das war typisch für die
Physikstudentin, mochte sie nur ihre technischen Überlegungen anstellen.
Von mir aus konnte die Wunderwaffe der Azteken wieder 500 Jahre verschollen
bleiben. Ich streckte meine Hand aus und schaltete das Radio ein. Es lief ein
Deutscher Song, dessen Text ich nicht richtig verstehen konnte
Caramba Caracho ein Whiskey
Caramba Caracho ein Gin
Verflucht Acapulco Dolores
Und alles ist wieder hin
Die Stimme des Sängers rief Assoziationen mit Tiefen Wesen in mir hervor
und ich schaltete wieder aus. Aber die Idee mit dem Whiskey war gar nicht
schlecht.
Epilog
Als einziger war er der Überschwemmung der Katakomben entkommen.
Häuptling Acamapichtliloco war ziellos umhergeirrt und hatte sich
schliesslich auf den Zocalo, den Hauptplatz, von Mexico City geschleppt. Der
Platz, der schon seit seiner Zeit bestand hatte sich in den letzten 500 Jahren
stark verändert. Nur undeutlich konnte er die Menschen erkennen, die sich
um ihn versammelt hatten. Es waren kleine Leute mit kurzen Haaren, farbloser
Kleidung und schlitzförmigen Augen. Sie hielten kleine magische
Kästchen vor ihre Gesichter, wenn sie ihn anblickten und schnatterten
ständig in einer komischen Sprache. Nein, das waren keine Spanier mehr und
auch keine Weissen Männer. Acamapichtliloco dämmerte der Gedanke,
dass es völlig irrelevant geworden war, Rache zu nehmen. Die komischen
Menschen blickten zum Himmel und begannen auf einmal seltsame ausfaltbare
Dächer hervorzuholen, die sie über ihre Köpfe hielten. Dann
begannen Tropfen zu fallen. Der Letzte der Azteken spürte, wie sich seine
ausgetrocknete Mumienhaut langsam auflöste...