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von Gerhard Schmeusser
Pater Sledge liess genau einen halben Finger breit
Whisky in das alte Joghurtglas vor sich laufen,
stellte die Flasche vor sich hin und drehte sie so, daß
er das Label studieren konnte. Es war billig. Billig wie alles in der Wohnung,
die der alte Mann sein Eigen nannte. Ein Tropfen war auf die Seiten des
aufgeschlagenen Buches vor ihm gefallen. Widerwillig kramte er ein in fleckiges
Taschentuch hervor und wischte ihn weg. Nachdem er es achtlos nur halb wieder
eingesteckt hatte, stützte er seinen Kopf mit dem Arm, fuhr dabei durch sein
schütteres graues Haar und setzte seine Lektüre fort.
4. Mose 15 Vers 28 "Und der Priester soll versöhnen solche Seele, die aus
Versehen gesündigt hat, vor dem Herrn, dass er sie versöhne und ihr vergeben
werde."
Sledge atmete hörbar aus und drehte sich halb zu dem Küchenschrank hinter ihm
um, während er den Finger an der Textstelle liegen ließ. Die ungewohnte
Bewegung verursachte einen ziehenden Schmerz in seiner Schulter - eine
unaufgeforderte Erinnerung an sein Alter.
Er öffnete eine Schublade, nahm eine 38er Automatik heraus und legte sie neben
die aufgeschlagene Bibel.
Sein Blick ging zum Fenster. Es war vollkommen Schwarz, aber der am unteren
Fensterrand funkelte Schnee. Es war Zeit zu gehen. Sledge trank aus, steckte
die Bibel in die linke und die Waffe in die rechte Tasche seines abgetragenen
schwarzen Anzugs und ging seinen Mantel anziehen.
Ein eisiger Wind schlug Sledge entgegen, als er ins Freie trat. Er zerzauste
die Haare und trug feine Tröpfchen Meerwasser mit sich, die auf dem Gesicht
prickelten und winzige Salzkristalle ablagerten. Der Ex-Priester sperrte die
beiden Sicherheitsschlösser der Werftbaracke sorgfältig ab. Dann stapfte er
durch den frischen Schnee über die Holzbohlen, die zu seinem Haus führten, zur Water Street hinauf. Zwangsläufig blickte er an der
riesigen Klippe hoch, die sich vor ihm erhob. Die Brandung drängte bei dem Wind
besonders laut heran und kam von dort als Echo zurück. Der Umriss der riesigen
schwarzen Felsmasse wurde oben vom Wintersternenhimmel begrenzt.
Er senkte seinen Blick wieder auf die Straße, dichtete mit einer Hand seinen
Mantelkragen ab, und wandte sich nach links. Water
Street war die einzige Straße an der Harbourside von Kingsport, die über eine Beleuchtung verfügte. Enge Gassen
zweigten rechtwinklig von ihr ab und führten durch das Gewirr der auf engem
Raum förmlich aufeinander gestapelten Häuser hinauf zum Fuß der Klippe. Kein
Mensch befand sich auf der Straße, die an Lagerhäusern und den seit langen
aufgegebenen Werften der Pickerings, Halls und Cabots
vorbei führte. Er kam an eine eiserne Brücke. Am anderen Ufer der Mündung des
Blake Creek, der hier ins Meer mündete, erhob sich der Central Hill. Dort musste
er hin.
Das alte Kopfsteinpflaster war rutschig und Sledge musste langsam gehen.
Central Hill war früher eines der besseren Viertel von Kingsport
gewesen, aber die meisten der alten Villen waren inzwischen heruntergekommen.
Diejenigen, die es sich leisten konnten, wohnten jetzt drunten im Süden. Obwohl
viel höher gelegen, war es hier weniger kalt als drunten am Meer. Wenn er im
Amt geblieben wäre, hätte er auch hier oben wohnen können, statt in einer baufälligen
Baracke am Meer. Aber der Preis war ihm zu hoch. Nein, er wollte und er konnte
nicht bei ihren Machenschaften mitmachen. Das waren keine Geistlichen mehr
sondern Anhänger von finsteren blasphemischen Göttern, die vor Jahrmillionen
auf die Erde gekommen waren. Und die Kultisten waren überall. Ja, das Haus des
Kultisten... Einstöckig und kantig, im Georgianischen
Stil des 18. Jahrhundert erbaut, ragte es als schwarzer Schatten hinter einem
hohen Zaun aus spitzen Eisenstäben hervor. Auf dem flachwinkelingen Dach
glitzerte Schnee. Sledge trat an das doppelflügelige Eingangstor heran und
blickte durch die rostigen, handbreit auseinander stehenden Stäbe hinüber. Der
Schnee der Einfahrt war unberührt. Kein Licht brannte, aber er ging davon aus, dass
trotzdem jemand Zuhause war.
Das kastenförmige Torschloss war altmodisch. Sledge fühlte mit blanken Fingern
darüber - das eiskalte Metall betäubte seinen Tastsinn. Er öffnete seinen
Mantel und entnahm der Innentasche eine kleine Flasche, die er vorsichtig aufschraubte.
Dann ließ er den Inhalt langsam in das Innere des Schlosses laufen. Er musste
einige Sekunden warten, bis die Säure wirkte. Ein feiner Nebel, schwerer als
Luft, kam schließlich aus den Ritzen des Schlosses heraus. Ein Ruck, und das
Tor war offen. Sledge schlüpfte hindurch und zog es
hinter sich zu. Dann schlich er zur Haustüre. Der Schnee machte knirschende
Geräusche unter seinen Schuhen, womit er nicht gerechnet hatte, aber er war
sich sicher, nicht gehört zu werden. Im Schatten des Portikus, einem
klassizistischen Säulenportal mit einer Rosette im Giebel, fühlte er sich
wieder sicherer.
Vor der imposanten Haustüre, die sich getrost Portal nennen durfte, kniete er
sich hin. Das typische Zylinderschloss würde der Säure mehr Widerstand
, aber stellte kein Hindernis mehr für ihn dar. Aus der gleichen Tasche,
in der er die Säure verwahrt hatte, holte er einen Dietrich hervor. Nur bei der
Kälte war es nicht ganz so einfach, das Schloss zu überlisten; sein
Fingerspitzengefühl ließ schnell nach und die Knie begannen auf dem harten
Boden zu schmerzen. Aber er schaffte es trotzdem; nach ein paar Minuten sagte
ihm ein leises Klicken, dass der Zylinder gedreht werden konnte. Die Türe
schwang lautlos nach innen.
Mühevoll richtete er sich wieder auf. Vor im lag die
Eingangshalle. Durch die Rosette über der Eingangstüre fiel genug Licht, dass
er sich orientieren konnte und der geflieste Boden glänzte wie ein Spiegel. Am
gegenüberliegenden Ende führte eine breite Treppe hinauf zu einer Galerie.
Sledge war vor langer Zeit hier Gast gewesen und kannte sich zumindest in
groben Zügen aus. Oben waren die Schlafzimmer. Ironie des Schicksals, dass sie
Priester waren: wie Sledge lebten seine Gegner alleine. Das machte die Sache
leichter, denn es würde keine Zeugen geben oder unschuldige Opfer. Er stellte
mit Genugtuung fest, dass er sich inzwischen geschickter anstellte, als die
ersten Male und im Grunde war es immer das gleiche Vorgehen. Er zog die
Pistole, vergewisserte sich, dass sie entsichert war und schlich die Treppe hinauf.
Zuerst würde er den unangenehmsten Teil seiner Mission erfüllen.
"Die Sünde gibt den Tod zum Lohn." Es war zum Glück schnell und
unspektakulär gegangen. Das Blut des Toten besudelte das gesamte Bett. Die
Kugeln hatten ihm im Schlaf getroffen. Sledge
war nicht so sentimental, dass er seinen Feinden eine Chance gab oder noch mit
ihnen redete, bevor er sie umbrachte. Das Unkraut musste ausgerottet werden.
Doch Sledge empfand keinen Hass, denn es hätte ohne weiteres auch
umgekehrt ausgehen können.
"Woher das Unkraut? Das hat der Feind gebaut. Jener alte böse Feind,
dessen satanisches Wesen wir nicht begreifen aber ebenso wenig weg leugnen
können; in dessen finsteres Schreckensreich wir nicht hinunterzublicken
vermögen, aber dessen schauerliche Fußstapfen wir auf Erden zu schauen
vermögen; dessen Werke zu zerstören der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist,
aber der auch mit gebrochener Macht und mit ohnmächtiger Wut noch sein Wesen
treibt in Gottes Reich - der hat das Unkraut gesäet auf dem Acker des Herrn."
Aber er, Sledge, war hergekommen, um es auszureißen.
Sledge hatte die Glut in dem offenen Kamin noch einmal angeschürt. Jedes Mal,
wenn er ein paar Blätter aus den Büchern herausriss und in das Feuer warf,
loderten die Flammen auf. Ihr Schein flackerte über die Bücherregale. Die
Privatbibliothek war nicht sehr groß. Es war immer das gleiche und im Grunde
einfach und zwangsläufig. Am Anfang stand Neugierde. Sammlerstücke, alte
Bücher, denen angeblich etwas Verbotenes anhaftete. . Der Mythos war nur ein literarischer
Zeitvertreib, den man anfangs nicht ernst nahm. Aber etwas lauerte hinter der
Fassade. Etwas, das jeden, der sich zu lange damit beschäftigte, in seinen Sog
zog. Am Ende kamen immer Kultisten heraus.
Er hatte nicht genug Zeit gehabt, die Bibliothek vollständig zu untersuchen,
ganz zu Schweigen von dem restlichen Haus. Und außerdem
war er auch viel zu erschöpft. Das letzte Blatt des Königs in Gelb verschmolz
langsam mit dem Aschehaufen. Hier und dort glimmte er noch auf, fraßen sich
Feuerwürmer durch die Papierreste. Sledges Blick fiel
auf die porzellanene Uhr auf dem Kaminsims; es war kurz vor 4 Uhr morgens.
Besser, er machte sich auf den Rückweg. Das Feuer war nicht so warm gewesen,
als dass er seinen Mantel ausgezogen hätte. Er klopfte dagegen - die Automatik
und die Bibel waren an ihrem Ort. Ohne sich weiter umzusehen ging er zurück
durch die Eingangshalle und zur Haustüre hinaus. Draußen war es noch Nacht,
aber es würde bestimmt schon dämmern, wenn er Zuhause ankam.
Der ehemalige Priester wählte einen anderen Rückweg, als den, welchen er
gekommen war. Er führte an dem acht Fuß hohen Eisenzaun des Central Hill Cemetery vorbei, dem alten Friedhof aus der Gründerzeit der
Stadt. Sledge wusste genug, um sich von den Weiden, die über bröckelnden
uralten Grabsteinen trauerten, fernzuhalten. Die Kälte kroch in jeden seiner
alten Knochen und er wusste, dass er eigentlich zu alt für solche nächtlichen
Unternehmungen war. Aber die Mission, die er erfüllte, erforderte Härte gegen
sich selbst und zugleich stellte sie eine Art Buße dar, die er sich selbst
auferlegte.
Er ging die High Street hinab und bog dann in die Summit
Street ein, die zurück über den Fluss führte. Jetzt brauchte er nur noch am
Wasser entlang zu gehen. Der Blake Creek, zu dem eine steinige Böschung hinab führte,
war hier noch nicht so breit wie an seiner Mündung und floss wie ein schwarzes
glattes Band neben ihm her. Noch immer war er niemandem begegnet und hoffte
auch, dass dies so bleiben würde. Eine der Straßenlaternen, die in Abständen Lichtflecken
auf den Gehsteig warfen und an der er vorbeikam, war defekt. Sicher das Werk
der Kultisten um ihm den Weg zu erschweren. Sledge konnte über diese albernen
Versuche, ihn zu behindern, nur den Kopf schütteln. Es dämmerte tatsächlich,
als er seine Behausung erreichte.
Sledge wachte auf. Er war bei seiner Heimkehr so erschöpft gewesen, dass er
sich in voller Kleidung auf sein Bett gelegt hatte. Ein graues Licht schien von
draußen in seine Wohnung und ihn fror. Er war nicht von selbst aufgewacht. Männer
waren draußen, klopften an seine Tür, forderten sofortigen Einlass. Im Grunde
hatte er immer gewusst, dass die Kultisten ihn irgendwann aufspüren würden. Er
griff in seine Manteltasche und zog die Pistole hervor. Sie war noch geladen.
Ja, die Kultisten waren überall. Aber Sledge beachtete die Männer nicht länger.
Einen Moment flackerte der Gedanke an ein letztes Gefecht in ihm auf, aber er
verwarf ihn sofort wieder.
"Ich gehe hinweg
Ihr werdet mich suchen und nicht finden
Und in euern Sünden sterben"
Es war relativ einfach, die Waffe an die Schläfe zu halten und abzudrücken.
Die Mordserie an Geistlichen, die im Winter ´02 Kingsport
erschütterte, konnte von der Polizei glücklicherweise schnell aufgeklärt
werden. Der Täter, ein gewisser Pater Sledge, hatte sich so gut wie keine Mühe
gemacht, seine Spuren zu verwischen. Sledge, ein Einzelgänger, der nach seinem
Austritt aus seinem Amt 5 Jahre völlig zurückgezogen und in ärmlichen
Verhältnissen lebte, entzog sich seiner Verhaftung durch Selbstmord. Über seine Motive ist nichts
bekannt.
"Thanks a lot for this sensitive, yet somewhat sad but consistent story.
Consistent in terms of a logical end. Yes, this is a true and dignified end
of Father Sledge showing his own victory over the cultists who are
invincible as they are embedded within the vast power of the Ancients...."
Father Sledge
© Gerhard Schmeusser 2003