Eine deutsche Delta Green Geschichte
von Gerhard Schmeusser
1
Der klapprige alte Wagen schüttelte sich wie ein nasser Hund, als Kommissar
Mitzkowski zu schnell über das notdürftig ausgebessertes Stück thüringer
Landstraße fuhr. Gleich dahinter wiesen Schilder mit roten Pfeilen auf
eine der typischen spiralförmigen Kurven hin, so daß er den aufheulenden
Motor in den dritten Gang zwingen mußte. Daß die Straße naß war, versuchte
er konzentriert, das Bremsen zu vermeiden.
Langsam, langsam ermahnte er sich, sonst komme ich statt zu spät, gar
nicht mehr an.
Die Sonne ging schon langsam unter. In dem dichten, kilometerlangen Wald, durch
den er fuhr, war der Himmel über ihn nur noch ein dunkelgrauer Streifen.
Was Mitzkowski gerade tat, war eine Eigenmächtigkeit. Aber er glaubte,
sie sich erlauben zu können. Ehrlich gesagt, redete er sich es sich
schon die ganze Zeit nur ein, abwechselnd zwischen Trotz und Zweifel
hin und her pendelnd.
In seiner Freizeit konnte er schließlich machen, was er wollte. Dabei war das
hier
gar nicht mehr sein Fall. Warum? Mitzkowski hatte seinen Vorgesetzen gefragt,
ob er einen Fehler gemacht hatte. Nein. Der Fall mache einen Spezialisten
notwendig. Ein gewisser Hauptkommissar Stiller aus Berlin war jetzt zuständig.
So ziemlich das Gegenteil von Mitzkowski: blond, 20 Jahre jünger und
gerade dem Titelblatt einer Gesundheitszeitschrift für Männer entsprungen.
Er wollte nur noch mit dem Lehrer sprechen. Wenn er mit dem Lehrer gesprochen
hatte, würde er den Fall aufgeben. Der Mann namens Schimmelheft hatte noch
Mitzkowskis Telefonnummer gehabt und ihn heute angerufen. Er wolle ihm
unbedingt noch irgendwelche Unterlagen zeigen, an denen seine Frau
gearbeitet hatte. Eigentlich hätte er den Anrufer weiterleiten müssen. Aber es war
Freitag Nachmittag gewesen. Mitzkowski hatte kurzerhand beschlossen, den Anruf
als Privatsache zu betrachten.
Immer wieder ging er im Geiste alle Details durch. Ein verstecktes
Städtchen namens Baunaburg. Berge, dichte Wälder. Nach der
Wiedervereinung halb verlassen. Eine Hauptschule und ein Schloß. Die
Lehrerin und ihr Mann, beide neu. Eines Morgens wird die Frau ermordet auf dem
Gelände des alten Schlosses ziemlich weit weg von ihrer Wohnung gefunden.
Nein, ziemlich weit weg war falsch, es war ja im gleichen Ort gewesen. Das
Schloß eigentlich eine Ruine mit einem Zaun darum herum. Mitzkowski war der
Zugang zum Inneren der Schlossruine nicht ermöglicht worden. Er hatte darauf
bestanden, aber es war angeblich kein Schlüssel aufzutreiben. Es hatte eine
kleine Szene gegeben. So konnte er nicht arbeiten. Aber das konnte doch nicht
der Grund sein, daß er jetzt nicht mehr zuständig war?
Mitzkowski hatte nun doch die Scheinwerfer eingeschaltet - es war eine Eigenart
von ihm, diesen Zeitpunkt immer so lange wie möglich hinauszuzögern. Ab und zu
begegnete ihm zwei gelbe Lichter, die an ihm vorbei rasten. Diese Wälder waren
wirklich undurchdringlich. Das Land bergig zu nennen, wäre wohl übertrieben
gewesen, aber die Landschaft bestand aus tiefen Tälern und Schluchten. Man
musste sehr konzentriert fahren oder sehr langsam. Mitzkowski tat das erstere.
Der Regen kam und ging wie die Ortschaften, durch die er fuhr. Die Dörfer
schienen nur aus einer Hauptstraße zu bestehen, an der sich die Häuser wie an
eine Lebensader drängten. Die spärlichen Straßenlaternen beleuchteten leere
Gehsteige. In dieser Gegend und bei dem Wetter war man nach Einbruch der
Dunkelheit lieber Zuhause.
Ein Fluss musste in der Nähe sein, denn Nebel kam aus dem Tal herauf, durch das
er gerade fuhr. Das konnte nur bedeuten, daß er seinem Ziel nahe war denn
Baunaburg lag an der Bauna, von der es seinen Namen hatte. Bald darauf fuhr er
tatsächlich über eine kleine Steinbrücke mit rostigem Eisengeländer über einen
kleinen Fluss. Dahinter war eine Verzweigung mit einem Wegweiser: Baunaburg 2
Kilometer.
Das Tal stieg langsam an. Links erhob sich ein steiler Hang und rechts rauschte
der Fluss durch Wiesen. Der Strassenrand war von dichtem Gestrüpp gesäumt. Noch
ein letztes, besonders steiles Stück und er kam auf einem Kreisverkehr heraus,
der von Häusern umzingelt wurde. Ein rostiges Ortsschild wies den Ort Baunaburg
aus.
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Mitzkowski hielt kurz an um sich zu orientieren. Er hatte ein Zimmer im
Schloßhotel reserviert, aber wusste nicht genau, wo das Hotel lag. Vor ein paar
Tagen war er schon einmal hier gewesen. Aber bei Nacht sah alles anders aus Der
kreisförmige Platz wurde nur von ein paar traurigen Straßenlampen erhellt, vor
deren Schein sich der ganz feine Nieselregen abzeichnete, den er wegen des
Nebels noch gar nicht bemerkt hatte. Links befand sich ein altes Amtsgebäude im
Jugendstil mit Säulenvorbau, vielleicht früher die Post.
Rechts stand ein riesiger Kasten von einem Fachwerkbau mit einem gigantischen
verwinkelten Dach, der wahrscheinlich früher ein Hotel gewesen war. Mitzkowski
versuchte durch das mit Tropfen beschlagene Seitenfenster genaueres zu
erkennen. Es sah so aus, als sei es schon seit langem nicht mehr in Betrieb.
Der Kreisverkehr hatte 3 Ausgänge. Einer ging ebenso steil den Berg wieder
hinab, wie er heraufgekommen war. Dieser Weg schied aus. Rechts zweigte eine
gerade Strasse ab. Dort bog er ein.
Langsam liess er den Wagen die feucht glänzende Strasse entlang rollen und
hielt nach seiner Unterkunft Ausschau. Nach vier Stunden Fahrt sehnte er sich
jetzt nach einer heissen Dusche und einem bequemen Bett. Er hatte Glück. Nach
wenigen Metern erblickte er einen kleinen Park und daneben ein weißes Schild
mit Pfeil: "Schloßhotel". Gleich dahinter befand sich ein mit Rasensteinen
gepflasterter Parkplatz, auf dem alle Buchten frei waren. Er bog ein, stellte
den Motor ab und schaltete das Licht aus.
Beim Aussteigen legte sich kühler Sprühregen auf Mitzkowskis Haut und liess
sich frösteln. Er schlug seinen Mantelkragen hoch und blickte die Strasse
hinunter. Er konnte nicht ausmachen, wie sie weiterging. Häuser schienen keine
mehr zu kommen. Zumindest führten Lampen irgendwohin. Gegen ihr
Licht leuchteten die Nieseltröpfchen, die vom Wind her geweht
wurden. Er glaubte sich erinnern zu können, daß die Strasse beim alten Schloss
endete. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite herrschte nur Schwärze. Ein
weiss gestrichenes Geländer markierte den Abgrund, der in das Tal hinab führte.
Eine eiserne Sitzbank wartete auf bessere Zeiten.
Nachdem er diese Eindrücke in sich aufgesogen hatte, drehte er sich zu dem
Hotel um. Der Pfeil auf dem Schild wies einen kopfsteingepflasterten
abschüssigen Weg hinab. Dahinter erhob sich die schwarze Silhouette des Hotels.
Er packte seine Reisetasche fester und machte sich auf den Weg. Wenigstens in
dem Anbau waren einige Fenster erleuchtet und er konnte die Eingangstüre leicht
finden. Der Eingang leuchtete wie das Maul eines Tiefseefisches, der Beute mit
Licht anlockte. Die Tür war offen.
Er hatte immer gehört, die Thüringer wären herzliche Menschen, aber hier schien
dies nicht zu gelten. Dabei hätte der Hotelier froh sein müssen, wenn sich
jemand hierher verirrte. Seine Wortkargheit stand in umgekehrten Verhältnis zu
seiner Leibesfülle. Nach der Anmeldung führte er Mitzkowski über unzählige
knarrende Treppchen und düstere Korridore zu einem Zimmer. Das Hotel war von
innen grösser, als es den Anschein hatte. Das Zimmer war nicht
schön, aber Mitzkowski war zu müde, als daß er daran noch Anstoß nehmen
wollte.
Die Luft in dem Raum war abgestanden und roch nach alten Matratzen. Um besser
schlafen zu können, wollte er ein wenig frische Nachtluft hereinlassen. Aus
Neugier betrat er den kleinen Balkon. Die Holzkonstruktion hing geradezu in der
Luft, so daß er sich am wackeligen Geländer festhalten musste um dem Gefühl zu
entgehen, hinabzustürzen. Als er sich gefangen hatte, stellte er fest, daß der
Eindruck wohl dadurch verstärkt wurde, daß sich der Boden einige Grad nach
vorne neigte. Dafür war die Aussicht großartig. Das Tal unter ihm war in eine
Nebeldecke gehüllt, als wäre ein riesiges Gefäß darin ausgegossen worden. Und
durch den Schleier schimmerten die diffusen kleine Lichter von Baunaburg. Die
Straßenbeleuchtung bildete Lichterketten die den genauen Verlauf der
wichtigsten Straßen markierten. Gegenüber erhob sich schwarz der Talhang,
bedeckt von riesigen Wäldern, in denen die Feuchtigkeit auf den Boden tropfte.
Darüber ein abnehmender Mond - schlechtes Wetter. Aber das war seine private Theorie.
Mitzkowski trat zurück und schloss die Türe.
3
Graues Licht schien durch die Balkontüre. Mitzkowski war sehr früh aufgewacht,
denn die Heizung schien über Nacht den Geist aufgegeben zu haben und er spürte
ein leichtes Brennen im Hals. Der Vorbote einer Erkältung. Deshalb war er auch
nicht besonders überrascht, als das Wasser in dem altmodischen Bad
bestenfalls lauwarm war, was einen gewissen Spareffekt ausübte.
Der Frühstücksraum konnte ihn dann auch nicht mehr erschüttern. Alte Möbel, die
auf den Sperrmüll gehörten, verblichene Tapeten, vergilbte Vorhänge. Draussen
herrschte soweit er sehen konnte, eine Welt aus Feuchtigkeit und Zwielicht. Bei
dieser Gelegenheit stellte sich die Vermutung als richtig heraus, daß er
tatsächlich der einzige Gast war. Immerhin war das Frühstück
besser als erwartet - wenn sie einen schon erfrieren liessen, so doch
wenigstens nicht verhungern, dachte er.
"Zur Zeit nicht viel los hier?" versuchte er mit dem Wirt ins Gespräch zu
kommen, als er ihm den Kaffee brachte.
"Ja, seit dem Krieg leben nicht mehr viele Leute hier" war die knappe Antwort.
Er schien nicht zu bemerken, daß Mitzkowski etwas ganz anderes gemeint hatte.
Wortlos stellte er die Kanne auf den Tisch und entfernte sich.
Mitzkowski spürte ein gewisses Amüsement und ging der Frage nach, was ihn dazu
gebracht hatte hier zu übernachten. Sicher, er hätte diesen Lehrer auch gestern
abend besuchen können und dann heimfahren, aber er hatte sich diese Mühe nicht
machen wollen. Mitzkowski glaubte keine Sekunde, daß die Unterlagen, die der
Lehrer ihm zeigen wollte, irgendeine Bedeutung hatten. Sie dienten aber als
willkommene Gelegenheit, sich der Wegnahme des Falles zu widersetzen. Ein
weiterer Grund war, daß er sich Baunaburg bei Tag nochmal ansehen wollte.
Da heute kein Werktag war, war die Zeit nicht so wichtig, wo er den Lehrer
besuchte. Ein Anruf erübrigte sich. Er würde mit Schimmelheft reden, die
Papiere durchsehen und das war's dann. Er kippte den Rest des kalten Kaffees
hinunter und machte sich auf den Weg.
Der Regen machte gerade eine Pause und die frische Luft tat gut, als er aus dem
Hotel heraustrat. Die Feuchtigkeit des Bodens erfüllte die Luft mit dem Geruch
von Erde und gefallenem Laub. Er schlug den Kragen hoch, steckte die Hände in
die Manteltaschen und marschierte in die Richtung, in der er das Schloss
vermutete. Bei Tage sah die Umgebung weniger unheimlich aus. Er ging vorbei an
der Bank, die immer noch vergeblich auf Gäste wartete, an dem rostigen Geländer
entlang, das den ganzen Gehsteig entlang lief. Drunten im Tal schlängelte sich
die Bauna. Er begriff, daß die Lage des Schlosses einmalig war: am Ende eines
schmalen Bergrückens, von drei Seiten von der Flussschleife geschützt. Die
Bauna kam von der gegenüberliegenden Seite herbei und schmiegte sich unterhalb
seines Standpunktes so eng an den Berg, daß er sie nicht mehr sehen konnte
sondern nur noch ihr leises Rauschen wahrnahm.
Er wandte sich ab und ging ein Stück zurück. Der Regen war zwar vorüber aber
dafür hatte der Wind zugenommen. Nasse Blätter wehten herab, als eine Böe durch
die Bäume fegte. Zum Glück brauchte er nicht den ganzen Weg zurückgehen, da ein
Pfad in den unteren Ort abzweigte. Er hätte auch den Wagen nehmen können,
entschied sich aber, zu Fuss zu gehen. Der Fußpfad war steil und führte über
glitschige Steintreppen.
Der Weg endete auf einer Kopfstein gepflasterten Gasse. Von seinem ersten
Besuch in Baunaburg wusste Mitzkowski noch, wo Schimmelheft wohnte. Damals war
es seine Aufgabe gewesen, ihm die Hiobsbotschaft zu überbringen. Der Kommissar
wollte nicht mehr daran denken. Er studierte die Umgebung. Die Gebäude hatten
eine interessante Architektur. Auf den ersten Blick sahen sie aus, als ob sie Holzbauten
wären, mit Fachwerk und verspielten kleinen Verzierungen. Manch eines schmückte
es sich mit einem kleinen sechseckigen Türmchen oder einer Veranda, von deren
Decke bunte Kunststofflampen aus den Siebziger Jahren baumelten. Was zunächst
charmant wirkte, war bei näherem Hinsehen aber heruntergekommen. Die meisten
Fenster waren schmutzig, und je näher man kam, desto besser erkannte
man, daß fast alle dringend renovierungsbedürftig waren. Die
Gasse ging noch ein Stückchen bergab, vorbei an einem Kramladen und endete vor
dem Rathaus. Wenn er es nicht von seinem letzten Besuch gewusst hätte, hätte
Mitzkowski das ungepflegte Gebäude für alles Mögliche gehalten.
Er überquerte ein weiteres Mal den Fluss. Der Ort wirkte an diesem
Samstagmorgen wie ausgestorben. Die einzige Person, der er begegnete, war eine
junge Frau, die gerade aus einer kleinen Bäckerei herauskam und an ihm
vorbeiging, ohne ihn zu anzublicken. Sie machte einen etwas schwächlichen
Eindruck. Mitzkowski drehte sich kurz nach ihr um; von hinten hätte man sie
für eine alte Frau halten können. Er hielt sich rechts, vorbei an dem
Wirtshaus, das zu dieser frühen Stunde noch geschlossen hatte. Im Inneren war
es dunkel - mehr als einige Tische und Stuhllehnen war nicht auszumachen.
Der Lehrer wohnte in einer Nebenstraße, die aus kleinen Häuschen mit Vorgärten
bestand. So lange sie noch
unter Schock stehen, sind die Menschen oft erstaunlich gefaßt. Aber wenn sie
die Tatsachen erkennen, sind zu den unmöglichsten Dingen fähig. Er musste
darauf gefaßt sein, daß Schimmelheft hysterisch geworden war und mit irgendeinem Hirngespinst daherkam.
Das Haus war in der Reihe leicht zu finden. Mitzkowski hatte sich statt der
Hausnummer den aufgegeben Imbiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite
gemerkt. Ausserdem war das Häuschen frisch renoviert und bildete so eine
Ausnahme in der Nachbarschaft.
Er öffnete das niedrige Eingangstor und betrat den Vorgarten, wo jemand
angefangen hatte, die Wildnis in mühevoller Arbeit zurückzudrängen. Die Türe
sah aus, als ob sie eingetreten worden wäre. Nein, nach aussen getreten, wenn
man genauer hinsah. Er klingelte und trat einen Schritt zurück.
Ein, zwei Minuten vergingen, ohne daß sich im Inneren des Hauses etwas rührte.
Mitzkowski machte die Türe etwas weiter auf und rief den Namen Schimmelhefts.
Keine Antwort. Mitzkowski trat vorsichtig ein. Die Diele war finster, muffig
und eng. Links führte eine steile Treppe nach oben. In der Küche und dem
Wohnzimmer, aus dem das Untergeschoß bestand, herrschte ziemliches Durcheinander. Jemand hatte
wahllos alles umgeworfen, was herumstand. Möbel, Bücher, Geschirr. Etwas stimmte aber nicht. Mitzkowski hatte schon oft Wohnungen gesehen, die durchsucht worden waren oder
wo Randalierer jemandem einen deftigen Denkzettel verpasst hatten. Es sah weder so aus, als habe jemand etwas gesucht, noch habe jemand
mutwillig Schaden anrichten wollen. Eher so, als sei jemand blindlings auf der Suche nach einem Ausgang herumgestolpert.
Mitzkowski beschloß, vorerst lieber nichts anzurühren.
Blieb noch oben nachzusehen. Noch einmal rief er nach Schimmelheft - erfolglos. Dann ging er
die knarrende Treppe hinauf. Ein Schlafzimmer mit einem zerwühlten Doppelbett. Ebenfalls Chaos.
Nur das Arbeitszimmer und Bad waren offenbar unversehrt. Das Haus war verlassen.
4
Natürlich hatte er Stiller verständigt. Hauptkommissar Stiller war
sofort gekommen. Wie er so schnell hier sein konnte, war ein Rätsel.
Stiller war nicht besonders begeistert von Mitzkowskis Alleingang gewesen. Er
hatte so getan, als ob alles Mitzkowskis Schuld wäre. Sein Chef hatte
danach mit ihm telefoniert. Es war ebenfalls kein sehr erbauliches Gespräch
gewesen. Er hatte ihm vorgeworfen, unprofessionell vorgegangen zu sein. Und
auch er hatte ihm eingebläut, er solle sich heraus halten. Aber nachdem
Mitzkowski sein Protokoll unterzeichnet und abgegeben hatte, durfte er
sogar wieder gehen. Mitzkowski würde gelogen haben, wenn er gesagt hätte, daß er sehr erschüttert
gewesen wäre.
Eine Art dumpfe Teilnahmslosigkeit hatte ihn ergriffen. Die kam aus dem Ärger über sich selbst, sich
eingemischt zu haben und jetzt als Idiot dazustehen.
Auf dem Rückweg zu seinem Hotel hielt Mitzkowski kurz inne, um
nachzudenken. Die Aussicht ludt dazu ein Baunaburg von oben zu betrachten.
Was ihn wunderte war, daß die Nachbarn keinerlei Interesse am Verschwinden des
Lehrers zeigten. Nein, sie hatten Schimmelheft nicht fortgehen sehen,
nein, sie hatten nichts gehört. Der Kommissar glaubte kein Wort. Und
Stiller war undurchsichtig wie immer. Bestimmt glaubte der auch kein Wort.
Der Ort war so verwunschen wie der Wald, der ihn umschloss. Von
dort stiegen schon wieder Nebelschwaden wie Schleier empor. Keine Geräusche, keine Autos, ja
nicht einmal Passanten waren unterwegs. Höchstens, daß aus dem einen oder
anderen Kamin Rauch aufstieg. Hatte der Solidaritätszuschlag nie hierher
gefunden? Vielleicht war Baunaburg mitten in seinen Wäldern und Schluchten von
der Regierung vergessen worden, würde für immer in einem Dämmerschlaf zwischen
der Wende und dem 21. Jahrhundert verharren. Eine andere Jahreszeit als
Herbst konnte man sich hier nicht vorstellen. Wieder musste er an den
Fall denken. Warum hatte der Lehrer ihm diese Arbeit unbedingt zeigen wollen?
War er deswegen verschwunden? Sein Ausflug war zu einer recht ärgerlichen Sache
ausgeufert und er beschloss deshalb, sofort abzureisen.
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Daß der Hotelbesitzer von ihm der Preis für eine weitere Nacht verlangt hatte,
da er zu spät zurückgekehrt war, stellte nur ein weiteres Ärgernis dieses Tages
dar. Seine Tasche war schnell gepackt und er stolperte mit seinem Gepäck die
engen Treppe und Gänge nach unten, als ihm etwas auffiel. Der Flur auf dem er
stand, endete in einem schräg zulaufenden Erker, durch dessen Fenster die trübe
Nachmittagssonne auf die beiden Seitenwände fiel, die über und über mit alten
Fotografien behängt waren. Irgendeine Faszination ging von dem Anblick aus, die
den Kommissar veranlasste, zu der Ecke hinüberzugehen.
Es waren alte Fotografien aus den 30er oder 40er Jahren. Die Baustelle des
Schlosses, der damalige Besitzer des Hotels, der genauso aussahen wie der
heutige. Sicher der Vater. Offenbar war der Ort voll vom Nationalsozialismus
vereinnahmt worden. Dort, auf einem anderen Bild, die Frau aus der Bäckerei, an
der er heute vorbeigekommen war. Sie blickten ihm aus den 70 Jahren alten
Fotografien entgegen. Für einen Moment hatte er die Idee, daß die Fotos nur auf
alt getrimmt waren, aber das stimmte nicht. Die Details stimmten. Die Kleidung,
hier ein altes Automobil, dort ein altes Straßenschild.
Er riss sich von den Bildern los und ging langsam zur Treppe zurück. Im
Hinausgehen begegnete er keinem Menschen. Das alte Schloss fiel ihm wieder ein.
Was hatte die Lehrerin vor ihrem Tod dort gesucht? Das erste Mal als er
hier war, hatte er es sich nicht ansehen können. Es konnte nicht schaden, dies
nachzuholen. In ungefähr zwei Stunden würde es dunkel werden. Bis dahin war
noch genug Zeit. Sein Gefühl sagte ihm aber, daß es besser war, wenn es so
aussah, als sei er nach Hause gefahren. Stiller mochte sich hier noch
herumtreiben.
Er fuhr mit dem Wagen in den unteren Ortsteil hinunter und suchte sich eine
Stelle, die ihm abgelegen und unauffällig genug erschien. Wenn das schon genug
heruntergekommene Baunaburg so etwas eine Bronx hatte, dann war es hier, direkt
neben dem Fluss, unterhalb des Schlosses. Ein ungeteerter, schlammiger
Parkplatz, an dessen einer Seite eine Reihe alter, verbeulter Blechgaragen
stand. Ein paar Graffitos zierten die heruntergelassenen Tore, hinter denen
Gott weiss welche Karren dahinrosteten. Eine Seite zierte ein unentwirrbarer
Haufen alten Schrotts, der schon seit Jahren dort lagern musste. Am Fluß
liessen ein paar alte Weiden ihre Äste traurig ins Wasser hängen. Mitzkowski
stellte den Wagen zwischen ihnen ab. Manchmal hatte es auch Vorteile, einen
alten Wagen zu fahren, dachte der Kommissar, als er sich nach dem
Auto umdrehte. Zwischen den anderen verbeulten Autos fiel seines höchstens
wegen des anderen Kennzeichens auf. Er öffnete den Kofferraum, holte die große,
Stabtaschenlampe heraus, die er für den Fall einer Panne immer dabei hatte und
steckte sie ins Innere seines Mantels. In diesem Moment bedauerte er das erste
Mal, daß er seine Waffe nicht mitgenommen hatte. Nun ja, eigentlich war es
unwahrscheinlich, daß es gefährlich werden würde - von der Einsturzgefahr der
Ruine abgesehen.
Mitzkowski wusste noch nicht, wie sehr er sich irrte.
Neben dem Schrotthaufen ging eine massive Holzbrücke über den Fluss; auf
der anderen Seite führte ein Fußweg weiter. Ein Schild an einem der Bäume wies
darauf hin, daß das Angeln nur den Mitgliedern des örtlichen
Forellenfischervereins gestattet sei. Daß hier bloß nichts einfach erlaubt ist,
dachte Mitzkowski. Seltsamerweise befand sich ein metallener Briefkasten
daneben. Das Namensschild fehlte.
Mitzkowski ging über die alte Brücke, deren Holz feucht, schwarz und bemoost
war. Der Fluss floß träge unter ihm dahin; das Wasser war trübe und machte
einen beunruhigend tiefen Eindruck. Kühle Luft stieg von ihm auf.
Aber Fische waren keine zu sehen.
Der Fußweg ging nach links flussaufwärts und um den Berg. Dichte Bäume wuchsen
um ihn herum und der Boden war oftmals blanker Fels. Wie alles troff er vor
Feuchtigkeit, wie die Bäume und die Steine. Mitzkowski dachte, daß dies wohl
die nasseste Gegend sein musste, die er je kennengelernt hatte. Er kam an eine
Abzweigung nach oben, die er einschlug.
Der Weg war ziemlich steil und stellenweise halfen Treppen über die größten
Steigungen hinweg. Niemand begegnete Mitzkowski auf seiner Wanderung und er war
auch froh darüber. Unter den Bäumen im Wald hatte die Dunkelheit bereits so
stark zugenommen, daß er aufpassen musste, wollte er nicht über eine Baumwurzel
oder einen Stein stolpern. Als er oben bei dem Geländer an der Strasse zum
Schloss herauskam, war es ein wenig heller. Der Abendnebel hatte eingesetzt und trieb in grossen Fetzen vom
Flusstal herauf. Mitzkowski schlug den Kragen seines Mantel hoch und bewegte
sich Richtung Schloss weiter.
In normalen Ortschaften war selbst in den Abendstunden immer jemand unterwegs;
Hundebesitzer mit ihren Lieblingen, Jugendliche, die sich trafen, Leute die
nach Hause kamen. Aber Baunaburg war tot. Wie einige seine Bewohner, setzte
Mitzkowski die Gedankenkette fort, und wunderte sich, wie er auf diese Idee
kam.
Er ging weiter. Zwischen den Bäumen konnte er Teile des Schlosses ausmachen.
Nur die Spitze eines Türmchens und der graubraune kastenförmige Hauptbau, der
mit einem schrägen Dach gedeckt war, das von weitem wie uralte Dachpappe
aussah. So, als ob es nur eine Notabdeckung wäre. Die viereckigen Fensterreihen
gähnten wie die Lücken in einem verrotteten Gebiß.
Je näher er kam, desto mehr Details konnte er erkennen. Der Palais war eng an
die steil abfallende Bergflanke gebaut. Links davon führte eine Allee zu einem
Torbau. Schon bald war er von den uralten Laubbäumen umgeben, deren tote
Blätter zu seinen Füßen raschelten.
Als er das erste mal hiergewesen war, war er in einem Dienstwagen in das
Schlossgelände gerast und hatte kaum etwas von der Gegend mitbekommen. Es war gut,
sich noch einmal in Ruhe umzusehen. Orte inspirierten ihn oft zu unerwarteten
Einfällen.
Nur noch ein paar klägliche Mauerreste verrieten, wo einst das Eingangstor des
Schlosses gestanden hatte. Dahinter klaffte ein übriggebliebenes Stück des
zugeschütteten Burggrabens. Daß direkt hinter dem Tor früher einmal ein Gebäude
gestanden haben musste, konnte man daran sehen, daß das Mauerwerk des Kellers
noch aus dem Unkraut und den Sträuchern hervorschaute. An manchen Stellen
glotzen Löcher, die wohl in irgendwelche Hohlräume führen mochten, finsteren
schmutzigen Gewölben, die der Zerstörung entgangen waren. Er fragte sich, was
wohl den Abriß eines Großteils des Schlosses herbeigeführt haben mochte.
Vielleicht hatte es gebrannt. Ein rechteckiger, steinerner Brunnen war
übriggeblieben, von dessen Rückwand ein Löwenkopf einen dünnen Wasserstrahl
ausspie.
Jenseits des Grabens, über den die Strasse hinweg führte erhob sich die glatte
Mauer des langgezogenen Hauptgebäudes, das von dem Türmchen flankiert wurde,
das er aus der Ferne bereits gesehen hatte. Der braune Verputz blätterte ab und
unteren Öffnungen waren mit Ziegelsteinen zugemauert. In den oberen beiden
Stockwerken waren sie offen und der Wind pfiff hindurch, daß es nur noch eine
Frage der Zeit war, bis zuerst das Dach und dann die Mauern einstürzen mussten.
Eine der typischen Ruinen, für die der Sozialismus nie etwas übrig gehabt
hatte, dachte Mitzkowski.
Er ging weiter. Der Teer der Strasse war nur noch zusammengeflickt und es ging
leicht aufwärts, zu einem Platz der wohl früher der Schloßhof gewesen sein
mochte und gleichzeitig das äußerste Ende der Anlage war. Das Hauptgebäude war
rechts, die anderen Seiten wurden durch Mauerbrüstungen gebildet, jenseits
denen es steil nach unten ging. Unkraut wucherte über die Pflastersteine. An
das mittelalterliche Palas war ein neoklassizistisches Portal angebaut worden,
mit imposanten Säulen und einem riesigen Vordach, das nun mit Metallstreben vor
dem Einsturz bewahrt werden musste. Ein Schild warnte vor der Einsturzgefahr.
Der Wind blies hier ungehindert um Mitzkowskis Ohren und er duckte sich in
seinen Mantelkragen.
Die Lehrerin war hier gefunden worden. Die Tat war um Mitternacht herum verübt
worden. Von vorne in die Brust geschossen. Gewehrschuß Kaliber 7,65. Die Hülse
war in 50 Metern Entfernung neben einem Mauerrest gefunden worden. Der Täter
hatte wahrscheinlich halbversteckt dahinter gestanden und sich darauf
aufgestützt. Niemand wollte den Schuss gehört haben. Wahrscheinlich hätten die
Spuren mehr hergegeben, wenn er erst einmal ein paar Verdächtige gehabt hätte.
Ihr Mann hatte ausgesagt, sie wäre aus dem Haus gegangen um einen Spaziergang
zu machen. Nicht besonders glaubwürdig. Vielleicht hatte er heute auspacken
wollen.
Er überquerte den Platz und gelangte an das Eingangstor des Hauptgebäudes.
Schwere Türen aus dunklem Holz verwehrten den Zutritt ins Innere. Die Fenster
links und rechts davon waren mit Ziegelsteinen zugemauert und Mitzkowski machte
sich wenig Hoffnungen, daß das massive, doppelflügelige Tor offen war. Dennoch
probierte er die riesige kunstgeschmiedete Türklinke. Zu seiner Überraschung
gab das Tor nach. Als er das erste Mal hier war, war das Tor noch
verschlossen gewesen und angeblich niemand konnte einen Schlüssel auftreiben.
Und jetzt war es einfach offen. Wahrscheinlich war jemand drinnen. Demjenigen würde er ja
interessante Fragen stellen können. Er war soweit gegangen, also sollte er weitersehen.
Es kostete Mitzkowski einiges an Kraft und er öffnete den Torflügel nur einen
Spalt breit, genug um hineinzusehen zu können. Mit der rechten Hand hielt er
das Tor, mit der linken zog er die Taschenlampe aus seinem Mantel. Ein modriger
Geruch von Feuchtigkeit und verrottendem Holz schlug ihm entgegen. Die
Taschenlampe wog schwer in seiner Hand und er richtete sie ins Innere, bevor er
sie anknipste. Vor ihm lag die unfertige Eingangshalle des Schlosses. Die Wände
waren nackt und die Decke fehlte, aber dennoch kam keine Helligkeit von aussen
herein, da die oberen Stockwerke sämtliches Licht abschirmten. Mitzkowski
schlüpfte ins Innere. Die Dunkelheit verschluckte ihn vollständig und er
musste sich ein wenig zusammenreißen, da er Nervosität in sich emporsteigen
fühlte. Er leuchtete nach oben und sah nochmals die nackten Mauern und Balken.
Staubteilchen regneten auf ihn herab, wohl aufgewirbelt durch den Luftzug den
er beim Eintreten erzeugt hatte.
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Mitzkowski ging einige vorsichtige Schritte vorwärts. Der Boden war mit Schmutz
und Mauerwerk übersät. Links und rechts gähnten rechteckige Türöffnungen,
hinter denen sich ganze Fluchten von Räumen lagen. Aber Mitzkowski
beachtete sie nur kurz im Vorbeigehen. Was ihn anzog war eine breite Öffnung an
der Rückwand, hinter der eine breite Treppe nach unten führte. Der Kommissar
blieb am Beginn der Treppe stehen und richtete den Strahl der Lampe nach unten.
Die Stufen waren aus Beton und die Wände ebenfalls - ein Rohbau. An der Decke
liefen uralte, verrottete Kabel in die Tiefe. Wenn hier drinnen irgend etwas
Interessantes zu finden war, dann wahrscheinlich dort unten. Mitzkowski
entschied sich, hinabzusteigen.
Braun Grau und Schwarz waren die einzigen Farben, die hier unten zu existieren
schienen. Alles wirkte unfertig und mitten während der Bauarbeiten abgebrochen.
Die Treppe war weit geschwungen und offen und Mitzkowski musste an eine der
großen Freitreppen denken, wie man sie in Kinopalästen vorfindet. Dies hier war
kein Kino, aber es war mit Sicherheit auch keine simple Kellertreppe.
Die Stufen endeten völlig unerwartet an einer Betonwand, die den Weg
versperrte. Das Hindernis machte nicht den Eindruck machte, als sei
es Bestandteil des ursprünglichen Plans gewesen. Eine massive eiserne Türe
war in die Wand eingelassen, durch horizontale Streben in mehrere Abschnitte
unterteilt. Ein Schloss war nicht zu entdecken, wohl aber Löcher, die wohl
für Vorhängeschlösser vorgesehen waren. Zwei grosse drehbare Hebel
verriegelten die Türe von aussen.
Der Hebel fühlten sich kalt und schwer an. Mitzkowski drehte ihn, was weniger
Kraft kostete, als er vermutet hatte. Nachdem er den zweiten Riegel betätigt
hatte, liess sich die schwere Türe ohne zu quietschen nach aussen schwenken.
Diese Türe war besser in Schuss, als zu erwarten war, was nichts Gutes bedeuten
konnte.
Hinter der Türe gähnte ein großer Raum, dessen gegenüberliegendes Ende der
Strahl der Taschenlampe nicht erreichte. Dumpfe Luft schlug ihm entgegen.
Mitzkowski zögerte, über die Schwelle zu treten. Der nackte Betonboden war
schmutzig und feucht. Als er es dann doch tat erzeugten seine
Schritte hallende Echos. So wie sie sich anhörten, musste der Raum
sehr gross sein. Er leuchtete nach oben. Die Decke befand sich in etwa 10
Metern Höhe und war kuppelförmig gewölbt. Als Mitzkowski kurz stehenblieb
glaubte er, ein Geräusch zu hören. Das Echo war kaum wahrnehmbar, aber es klang
wie ein Schlag von Stein gegen Stein. Vielleicht war aufgrund seines
Eindringens ein Stück Mauerwerk herunterfallen.
Mitzkowski leuchtete mit der Taschenlampe im Kreis. Mannsdicke dunkelblaue
Marmorsäulen tauchten auf, die sich kreisförmig nach links und rechts
erstreckten. Hakenkreuze und Reichsadler in Schwarz und Gold schmückten sie.
Ein bizarrer Luxus angesichts des nackten Betons aus dem die Anlage sonst
bestand. Offenbar das Einzige, was hier vollendet worden war. Typisch 3. Reich,
dachte er, leere Symbole..
Er wandte sich wieder in die entgegengesetzte Richtung. Lange wollte er sich
hier nicht mehr aufhalten, nur noch soweit weitergehen, bis er das andere Ende
des Saales sehen konnte. Anhand der Deckenwölbung und der Säulen konnte er sich
einigermassen orientieren.
Als er ungefähr 30 Schritte vom Eingang weg war, stiess er auf etwas, das wie
ein Wasserbecken aussah, das in der Mitte des Saales im Boden eingelassen war.
Kreisrund, mit einem Durchmesser von ungefähr 5 Metern und eingefaßt
in blauen Marmor. Überraschenderweise war es mit klarem Wasser gefüllt.
Der Strahl der Taschenlampe zeichnete eine leuchtende Spur durch das Wasser. Er
ging an der Einfassung in die Hocke und streckte eine Hand nach dem Nass aus.
"Ich würde lieber nicht daraus trinken!" ertönte die Stimme Stillers hinter
ihm.
Mitzkowski drehte sich erschrocken um und wollte sich aufrichten, liess es aber
vorsichtshalber bleiben. Stillers stand in der Stahltüre und hatte eine starke Stablampe in
der Hand. Das Licht erleuchtete nur die unmittelbare Umgebung wo er stand, so daß es
aussah, als sei er aus dem Nichts aufgetaucht.
"Nun haben Sie doch noch etwas über Projekt Jungbrunnen herausbekommen."
Stiller klang etwas ironisch.
"Ich weiss nicht, wovon Sie reden." Mitzkowski versuchte in eine bequemere
Position zu kommen, was nicht einfach war, wollte er Stiller nicht provozieren.
"Der Begriff Karotechia sagt Ihnen auch nichts?"
Mitzkowski schaute den Berliner Hauptkommissar nur an.
"Na, dann will ich Sie mal aufklären. Es begann im Jahr 1940."
"Damals beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Schloss. Die letzte noch
darin wohnende Gräfin, wurde mit einer lächerlichen Summe entschädigt und
musste ausziehen. Und dann begannen die, das Schloss radikal umzubauen.
Strengste Geheimhaltung wurde auferlegt. Aber einige Parteigrößen kamen damals
nach Baunaburg um die Baustelle zu besichtigen."
Mitzkowski war sich nicht sicher, ob Stillers Stimme bewundernd oder neutral
klang.
"Aha." war alles, was ihm dazu einfiel.
"Die Karotechia hatte hier etwas gefunden, was für die Führungsschicht des
Reichs von enormer Wichtigkeit war. Jenseits der etablierten Wissenschaft. Die
Legende vom Jungbrunnen." Stiller, der gerade noch völlig überheblich gewesen
war, wirkte nun etwas verlegen, als ob er nach den richtigen Worten suchte. "Es
gibt ihn, oder zumindest so etwas ähnliches. Die Experimente.."
"Experimente?" Mitskowski wurde auf einmal hellhörig.
"Ja, an Teilen der Bevölkerung. Die Anfänge waren vielversprechend. Ein
luxuriöses - nennen wir es - Kurhaus für die Nazi-Elite sollte entstehen. Aber
zwei Jahre später, 1942, wurden die Bauarbeiten über Nacht eingestellt. Das
Gelände wurde abgesperrt und seitdem wurde nichts mehr daran geändert. Die
Gräfin war bereits 110 Jahre alt, als sie hier vertrieben wurde. Na, fällt
der Groschen?"
Die Leute auf den Bildern..
"Und nun werden Sie mich erschießen wie das Lehrerehepaar?"
Stiller verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln und setzte zu einer
Antwort an, aber Mitzkowski wollte es nicht darauf ankommen lassen wie sie
lauten würde. Es kostete nur eine Fingerbewegung, seine Taschenlampe
auszuschalten. Gleichzeitig versuchte er so schnell wie möglich, aus der
Schusslinie wegzukommen. Aber Stiller schoß nicht.
Der Kommissar hatte sich die Richtung des Ausgangs gemerkt und rannte mit einer
Hand an der Wand des unterirdischen Palastes entlang, in der Hoffnung, daß die
Säulen ihm etwas Deckung geben würden. Er rechnete jeden Moment damit, daß die
Taschenlampe Stillers aufleuchten würde und er auf ihn schießen würde.
Tatsächlich schaltete Stiller seine Lampe an und funzelte im Saal herum, aber
der Lichtkegel fand Mitzkowski nicht. Das Echo machte es unmöglich, seine
Position nach Gehör zu orten. Mitzkowski fand den Ausgang, stolperte über die
Schwelle und hastete die Treppe hinauf. Er rannte gegen die Wand und erinnerte
sich, daß die Treppe im Kreis verlief. Er fluchte innerlich, als im einfiel,
daß er die Stahltüre hinter sich hätte verriegeln können. Sollte er das
schnell noch versuchen? Als er sich von der Wand löste verlor er die
Orientierung. Zu viel Zeit war verloren. Er musste seine Lampe wieder
einschalten. Dann rannte er die Treppe hoch.
7
Die Eingangstüre des Schlosses stand halb offen und vom Nachthimmel fiel etwas
Licht herein. Von Stiller war nichts zu hören aber Mitzkowski war sich sicher,
daß er jeden Moment auftauchen würde. Dieser Mensch konnte sich trotz seines
muskulösen Körperbaus fast lautlos bewegen, wie er in dem Saal erfahren hatte.
Als er die Türe erreichte splitterte plötzlich die Wand neben seinem Kopf,
gefolgt vom trockenen Krachen eines Schusses. Mitzkowski ging im toten Winkel
neben der Türe in Deckung. Im Hintergrund kam Stiller nun die Treppe hoch.
"Mitzkowski warten Sie!"
"Sind das Ihre Leute, dort draussen?"
Der Berliner kam auf Mitzkowski zu. Der Mann war nicht im geringsten
ausser Atem, ganz im Gegenteil zu Mitzkowski.
"Jetzt rennen sie mal nicht gleich wieder weg, ich will Ihnen ja gar
nichts."
Mitzkowski wirkte nicht gerade überzeugt.
"Meinen Sie, ich hätte Ihnen die ganze Geschichte erzählt, wenn ich Sie
umbringen wollte? Das da draussen sind nicht meine Leute. Vermutlich ist es Ihr
Hotelier und ein paar Männer aus dem Dorf."
Mitzkowski spähte vorsichtig aus der Türe heraus, konnte aber in der Dunkelheit
draussen die Angreifer nicht erkennen. Wenn Stiller die Falle nicht gestellt
hatte wie er behauptete, wieso wusste er davon?
"Was für eine Rolle spielen Sie hier?"
"Schadensbegrenzung. Im Moment sitze ich genauso in der Falle wie Sie. Ich
schlage Ihnen vor, daß wir zusammen zusehen, daß wir hier rauskommen. Den Rest
erkläre ich Ihnen nachher."
"Gibt es einen anderen Ausgang?"
"Wir können versuchen, an der Rückseite herauszuklettern."
Mitzkowski erinnerte sich, was er bei seinem Spaziergang gesehen hatte. "Dort
geht es mindestens 25 Meter senkrecht runter."
"Eben. Das Gesocks rechnet bestimmt nicht damit, daß wir das riskieren."
Stiller wandte sich von dem Portal ab und bewegte sich zum rückwärtigen Teil
des Raumes. Mitzkowski wollte es nicht darauf ankommen lassen, sich noch einmal
in der Türe blicken zu lassen und folgte ihm vorsichtig.
Auf der Vorderseite waren die Fenster des Parterres zugemauert gewesen, aber
auf der Rückseite hatte man sich die Mühe nicht gemacht. Die bogenförmigen
Öffnungen der grossen Fenster wirkten gegen das Mondlicht von draussen wie von
Scheinwerfern angestrahlt. Mitzkowski lehnte sich über eine der baufälligen
Öffnungen blickte sich um. Unter ihm war nur die dunkle Masse der Wipfel der
Bäume zu sehen. Das Mauerwerk unter dem Fenster und der Felsen sahen
verwittert genug aus, um daran hinabklettern zu können.
Stiller versuchte es als erster. Mit beiden Händen hielt er sich zuerst an der
Fensterbank fest, bis seine Füße Halt fanden. Dann verschwand er nach unten.
Mitzkowski tat es ihm nach. Ein kühler Wind pfiff um seine Ohren und die Felsen
fühlten sich klamm an. Der Mantel behinderte ihn hauptsächlich dadurch, daß er
nicht sehen konnte, wo er seine Füße hinstellte, aber bald stellte fest, daß
wenn er es vermied, nach unten zu schauen, es besser ging. Die Wand war nicht
wirklich senkrecht zu nennen,
aber er betete trotzdem, daß er heil unten
ankommen würde. Selbst ein verstauchter Fuss würde in ihrer Situation eine
Katastrophe bedeuten.
Er mochte einige Minuten geklettert sein ohne zu wissen, wie weit, als er unter
sich Stiller verhalten rufen hörte "Glück gehabt, da ist ein Pfad!"
Mitzkowski blickte nach unten und sah genau unter sich einen schmalen Pfad
entlang gehen. Er schätzte die Höhe ab, liess sich fallen und landete exakt
neben Stiller. Nach wenigen Metern verschluckte sie der Laubwald.
"Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was hier eigentlich genau vor sich
geht!"
Keine Antwort. Er konnte die Gestalt vor sich nur als schwarzen Schatten
wahrnehmen, die sich von Baum zu Baum voran tastete, während er versuchte, den
Anschluß nicht zu verlieren..
"Stiller!"
"Leise!"
"Sie sind mir eine Erklärung schuldig!"
"Ich habe doch gesagt, wenn wir in Sicherheit sind!"
"Ich gehe nicht weiter, wenn Sie mir nicht erklären, was hier eigentlich
vorgeht. Ich stolpere mit Ihnen hier herum und.."
"Na schön, wenn Sie es unbedingt wissen wollen!" Der Hauptkommissar war
stehengeblieben und hatte sich zu Mitzkowski umgedreht. Er wartete noch, bis er
vor ihm stand. Mitzkowski fiel zum ersten Male auf, daß der Fluss in der Nähe war - er konnte das Gurgeln des Wassers hören. Sie mussten so gut
wie unten sein. Und wieder kam die Wut über die Art des Berliners hoch.
Andererseits war dessen Überlegenheit kaum mehr zu leugnen. Stiller schien das
irgendwie zu merken.
"Es geht um dieses Becken. Wissen Sie, wie tief es ist? Niemand weiss, was in
ihm ist. Sie haben doch Ihre Hand hineingetaucht, haben Sie nichts gespürt?"
Mitzkowski konnte sich nicht erinnern, das Wasser berührt zu haben. Er
versuchte, seine Hand zu erkennen, ob irgendetwas damit war, was
aber wegen der Dunkelheit unmöglich war.
"Laut der Sage muss man daraus trinken. Aber allein wenn Sie damit in Berührung
gekommen wären.."
"Wäre ich unsterblich geworden?" Mitzkowski lachte ironisch.
"Vielleicht. Vielleicht aber auch zu etwas anderes, das Sie nicht möchten. Das
ist das Problem dabei."
Was Stiller damit meinte, verstand Mitzkowski nicht, aber er fragte nicht mehr
weiter, denn sein Gehirn hatte zu arbeiten begonnen. Dieser Ort, der in
Vergessenheit geraten zu sein schien. Der Jungbrunnen der nordischen
Mythologie, aus dem die Götter regelmäßig trinken mussten um jung zu bleiben
bis zum Weltuntergang. Und seit unzähligen Jahren wurde das Geheimnis von den
Einheimischen gehütet. Bis diese Lehrer hier auftauchten und herumschnüffelten.
Aber wenn Stiller hier offiziell unterwegs war, musste man auch "oben" davon
wissen. Wie hatte er seine Aufgabe ausgedrückt? "Schadensbegrenzung".
Das Plätschern des Flusses riss ihn wieder aus seinen Gedanken. Da war ein
Geräusch gewesen, als ob etwas ins Wasser gefallen wäre. Unwichtig. Er gab mit
einer Geste zu verstehen, daß er im Moment keine weiteren Fragen hatte und sie
weitergehen konnten.
8
Sie waren auf dem gleichen Weg herausgekommen, den Mitzkowski bereits auf dem
Hinaufweg gegangen war. Stiller hatte von sich aus die Richtung zu dem
Parkplatz eingeschlagen, wo Mitkowkis Wanderung ihren Anfang genommen
hatte. Der Kommissar war sich sicher, daß er ihn den ganzen Nachmittag
beschattet hatte. Der Inhalt des Beckens hatte völlig harmlos ausgesehen - wie
klares Wasser. Befanden sich Chemikalien darin, oder gar Medikamente?
Wer war er vor ihm in das Schloß gegangen? Und dann war da noch die
wichtigste Frage.
"Warum haben Sie mich nicht getötet wie die Lehrerin?"
"Ich habe die Lehrerin nicht getötet."
"Wer war es, Stiller? Sie wissen es, oder?"
"Ich kann Ihnen den Namen nicht sagen. Aber es niemand von uns, falls Sie das beruhigt."
"Und ich, was macht Sie sicher, daß ich nicht die ganze Sache ausplaudere?"
Stiller blieb stehen und drehte sich zu Mitzkowski um.
"Weil Sie jetzt dazugehören. Und weil es Ihr Schaden wäre. Außerdem, sind Sie sicher, daß man Ihnen glauben würde?"
"Nicht mehr oder weniger als den Schimmelhefts.."
"Mann, seien Sie doch froh, daß ich Sie da rausgeholt habe." Ärgerlich drehte sich Stiller wieder um und setzte den Marsch fort.
"Es war eine Falle der Dorfbewohner, nicht wahr?" kombinierte Mitzkowski, was zur Hälfte eine reine Vermutung war.
Stiller zögerte ein wenig mit der Antwort.
"Ja. Aber jetzt Schluß damit. Ich erkläre Ihnen alles, wenn wir in Berlin sind."
Mitzkowski wollte protestieren, daß Stiller einfach so das Reiseziel änderte, aber dann fügte er sich. Die Trägheit nahm wieder Besitz von ihm.
Sie waren immer noch vorsichtig gegangen, bemüht, keinen Lärm zu machen und der
Wald gab ihnen Sichtschutz. Leichter Nebel lag über dem Fluss und streckte
seine Finger über das Ufer aus. Als die beiden Männer die Holzbrücke
erreichten, war es Mitzkowski, der zuerst etwas bemerkte. Hinter dem Vorhang,
den die Weiden am Flussufer bildeten, bewegte sich etwas im Wasser. Das Schild
vom Fischereiverein kam ihm wieder in den Sinn, aber dies war zu gross für eine
Forelle gewesen. Leider hatte er nicht mehr als einen Schatten erkennen können.
Stiller hatte sein Stocken bemerkt und sah zuerst ihn und dann den Platz vor
ihnen mit zusammengekniffenen Augen an.
Mitzkowski sagte sich, daß seine überstrapazierten Nerven ihm etwas vorgespielt
hatten und machte Anstalten, über die Brücke zu gehen, als Stiller ihn am
Mantel zurückhielt und den Vortritt übernahm. Er hatte plötzlich seine Waffe
gezogen.
Der Kies knirschte unter den Schritten der beiden Männer, als sie nebeneinander
über den Parkplatz auf Mitzkowskis Fahrzeug zugingen. Stiller stellte sich auf
der Beifahrerseite mit dem Rücken zur Tür und Mitzkowski holte auf der
Fahrerseite die Schlüssel aus seinem inzwischen ziemlich ramponierten Mantel
hervor. Er bückte sich gerade leicht, um die Türe aufzusperren, als etwas seine
Beine unter ihm wegzog. Mitzkowski fiel unsanft auf die linke Seite und spürte,
wie etwas um sein rechtes Bein gewickelt war und ihn zum Wasser zerrte. Er
drehte sich auf dem Rücken und versuchte sich aufzusetzen, was aber nicht
gelang. Der Schmerz in seiner Seite wurde schnell überboten von einem
brennenden Schmerz in seinen Beinen, wo sich das Seil, oder was immer das war,
herumgewickelt hatte, Er war so überrascht, daß er nicht einmal dazu kam um
Hilfe zu rufen.
Direkt neben ihm krachte Stillers Waffe, einmal, zweimal, dreimal und
dann immer wieder, bis wohl das ganze Magazin verschossen war. Worauf,
konnte Mitzkowski nicht sehen, nur das Mündungsfeuer, das auf das Ufer
gerichtet war. Plötzlich löste sich der Zug um Mitzkowskis Bein und gab ihn
frei. Er zog die Beine an und blieb erst einmal liegen. Stiller stand
breitbeinig zwischen ihm und dem Ufer und hatte die Pistole immer noch auf das
Wasser gerichtet.
"Können Sie aufstehen?" fragte er ohne sich umzuwenden.
Mitzkowskis Hose war völlig zerfetzt und alles darunter rot von Blut. Stiller
ging rückwärts an den am Boden Liegenden vorbei, wuchtete Mitzkowski hoch und
dirigierte ihn humpelnd um die Frontseite des Wagens herum, wobei der Verletzte
sich mit den Händen auf Dach und Kühlerhaube abstützte. Das Bein brannte wie
Feuer und er war froh, als er sich endlich in den Beifahrersitz fallen lassen
konnte.
Stiller nahm den Fahrersitz, startete die Maschine und fuhr schnell los. Die
Schlaglöcher liessen den Wagen springen wie ein Mondfahrzeug.
"Was war das?" war Mitzkowskis letzte Frage, bevor er vor Schmerzen bewußtlos
wurde.
"Ihr Lehrer, wahrscheinlich."
9
Das Dröhnen des Automotors war die erste Wahrnehmung, die Mitzkowski hatte, als
er wieder zu sich kam. Dies war sein Wagen und er befand sich auf
dem Beifahrersitz. Sein rechtes Bein brannte. Draußen war es dunkel. Der Wald raste wie ein Schatten vorbei
und die Scheinwerfer erhellten gerade eben so viel Stück Straße, wie notwendig war
um die hohe Geschwindigkeit zu halten. Er brauchte ein
paar irritierende Sekunden, um den Fahrer am Lenkrad als Stiller zu erkennen. Schlagartig kam die Erinnerung an die Szene am Fluß. Jemand hatte ein Seil um sein Bein gewickelt und
ihn versucht ins Wasser zu ziehen. Stiller hatte auf den Angreifer geschossen. Aber
der Angreifer war im Wasser gewesen, wenn er sich nicht getäuscht hatte. Er blickte
an seinem Bein hinab. Soviel er erkennen konnte, hing die Hose nur noch in Fetzen.
Die Haut war mit kreisrunden Flecken übersät, die wie Brandwunden aussahen. Mitzkowski
musste an Quallen denken. Das war kein Drahtseil gewesen.
"Was war das für ein Ding?" Stiller schien zuerst
so zu tun, als ob er die Frage überhört hätte, so wie er konzentriert geradeaus
auf die Straße starrte, die sie wie ein erleuchteter Tunnel in sich hineinsaugte.
"Ich sagte doch, wahrscheinlich ihr Lehrer, ihr Zeuge, den sie besuchen wollten."
Stiller hatte ganz offensichtlich wenig Lust, mehr zu sagen.
"Stiller, Sie schulden mir eine Erklärung." beharrte Mitzkowski. Sein Bein brannte
immer noch und ihm war so schlecht, dass er am liebsten das Seitenfenster heruntergekurbelt
hätte um hinauszukotzen.
"Zuerst einmal, Sie liegen völlig falsch. Ich habe mit dem Tod der Leute nichts
zu tun." Mitzkowski wurde bewußt, dass seine Bemerkung in dem unterirdischen Saal
die Ursache für diese Rechtfertigung war.
"Also. Was mit dem Wasser in dem Brunnen ist, wir wissen es nicht. Es hat aber eigenartige
Eigenschaften, je nachdem, wer daraus trinkt."
"Sie wollen mir weis machen, dass es ein Jungbrunnen ist?" Mtzkowski fühlte sich
noch elender als vorher. Das war doch alles absurd. Jeden Moment würde er den Wagen vollkotzen - wenn er weiter
ständig daran dachte, würde es auch sicher passieren. Es war sein Wagen, also lieber
doch nicht.
"Glauben Sie was sie wollen. Die Leute in Baunaburg glauben es jedenfalls. Fast alle haben davon
getrunken."
"Und?"
"Unsterblich wäre vielleicht übertrieben, aber einige leben schon verdammt lange,
das kann ich Ihnen sagen." Stiller klang trotzig. Sicher glaubte er auch daran.
Mitzkowski war nicht in der Lage, seinem Gegenüber zu widersprechen. Es war Zeit
die Vermutung auszusprechen, die er die ganze Zeit über schon hatte "Aber irgendwas
stimmt damit nicht?"
"Ja."
Dieses Frage und Antwort Spiel war quälend. "Los, spucken Sie es schon aus, bevor ich hier noch abnipple."
Stiller
warf einen kurzen Seitenblick auf Mitzkowski. Seine Miene drückte Stress
aus.
"Wie Sie wollen. Das Wasser hat auch noch andere Auswirkungen. Man kann nie wissen,wie es ausgeht.
Sie erinnern sich an die Garagen, wo sie Ihr Auto geparkt hatten?"
Mitzkowski nickte nur. Der Wagen raste durch eine Kurve, die seinen Magen umstülpte.
"Es sind keine Garagen. Zumindest sind keine Autos drin."
"Ach du Scheiße..."
"Sie mutieren."
"Oh Gott.." Mitkzkowski schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Die
alten Fotos in dem Hotel. Der Verfall überall. Die verlassenen Häuser. Das war doch alles nicht wahr.
"Deshalb soll ja auch niemand mehr von dem Zeugs trinken."
Nun war es Mitzkowski,
der nicht mehr antwortete.
"Die Dorfbewohner passen auf. Die Schimmelhefts.. Sie waren dem Geheimnis auf die Spur
gekommen."
Mitzkowski verstand. Aber er verstand nicht, warum sie gleich hatten deswegen sterben
müssen. Stiller schien die Frage zu ahnen, die gleich kommen würde.
"Seit Jahren ist niemand nach Baunaburg gezogen. Die haben eine Sensation gewittert.
Verstehen Sie, die Leute wollen nicht, dass es herauskommt. Und die beiden
waren drauf und dran. Sie hätte nicht da hin versetzt werden dürfen. Es ist ein Fehler
unterlaufen."
"Warum macht man die Anlage nicht dicht, sprengt sie in die Luft, schüttet sie mit
Beton zu?"
"Höhere Interessen.."
Mitzkowski war alles klar.
Er hätte nie damit zu tun bekommen dürfen. Er hätte nicht
zurückkommen dürfen. Das war der Fehler.
Aber da war noch ein Punkt.
"Und Ihre Aufgabe in dem Ganzen?"
"Eindämmung. Schadensbegrenzung. Bis die letzten gestorben
sind."
Nun war wirklich der Moment gekommen, wo Mitkowski das Fenster herunterkurbeln musste.
© Gerhard Schmeusser 2003, Überarbeitet 2006