von A.W.G. Döring
Die Angst war der jungen, leichtbekleideten Blondine ins Gesicht gemeißelt. Während
sie flüchtete, drehte sie ihren Kopf leicht zur Seite und schielte extrem zu dem
schattenhaften Monster hinter sich. Dadurch bemerkte die junge Frau nicht die beiden
Krallenhände, die sich ihr von der Seite her näherten. Das würde sich in den nächsten
Sekunden ändern.
Jochen Pohlkötter betrachtete noch einmal zufrieden das Cover des Heftromans und
stopfte das Groschenheft in seinen Rucksack. „Von wegen - Groschenheft“, dachte
Jochen bitter. „Eins fünfzig mittlerweile.“ Doch Pohlkötter war wild entschlossen,
sich diesen kleinen Luxus auch weiterhin zu leisten, obwohl es finanziell wirklich
nicht gut um ihn bestellt war. Der Mittdreißiger bestieg sein Fahrrad und machte
sich auf den Weg zur Geschäftsstelle der Lokalzeitung. Dort steuerte er geradewegs
den Leseraum an und griff sich eine aktuelle Ausgabe. Das Zeitungsabonnement hatte
zu den ersten Opfern seines Sparplans gehört. Zielstrebig blätterte Jochen zum Kleinanzeigenteil
und fand nach einigem Suchen, weswegen er gekommen war.
Pohlkötter schloß verbittert die Augen und dachte an die Vergangenheit. Da hatte
er noch viertelseitige Anzeigen schalten lassen können, war gut im Geschäft gewesen
und wollte gerade richtig durchstarten. Er hatte sich sogar eine Art Sekretärin
leisten können, die sich zweimal die Woche um seine chaotische Buchführung gekümmert
hatte. Bis diese dumme Sache mit seinem Rücken passiert war. Dabei war es nicht
einmal ein Arbeitsunfall gewesen. Leichte Rückenschmerzen nach der Arbeit hatte
er schon davor gehabt, sich aber nichts dabei gedacht, bis ihm der Sportunfall im
Urlaub den Rest gegeben hatte. Und seitdem - aus. Er konnte nicht mehr eine längere
Zeit am Stück arbeiten, geschweige denn schwere Gegenstände heben; für jemanden,
der von Beruf Steinmetz war, ein kleines Problem. Seitdem hangelte sich Jochen am
existenziellen Abgrund entlang.
Irgendwann hatte er mal auf dem Arbeitsamt vorbeigeschaut, um sich zu informieren.
Der Berater war freundlich und hilfsbereit gewesen und hatte ihm mehrere Umschulungen
angeboten, die in der Regel etwas mit Computern, Tourismus oder Gesundheit zu tun
hatten. Doch Pohlkötter liebte seinen Beruf und wollte diesen letzten Schritt, der
das Ende eines langen Lebensabschnittes bedeutet hätte, noch nicht tun. Aus irgendeinem
Grund schien er bei dem Berater einen besonderen Eindruck hinterlassen zu haben,
denn er wurde regelmäßig angeschrieben und zu Gesprächen eingeladen. Bislang hatte
sich Jochen immer mit Telephonanrufen aus der Affaire gezogen, in denen er von neuen
Aufträgen schwärmte. Die Aufträge gab es tatsächlich, doch brachten sie so wenig
ein, daß Jochen fast soweit war, sich seine Niederlage einzugestehen.
Der Tag wurde nicht besser. Als Pohlkötter in seine Straße einbog, konnte
er schon von Weitem seinen alten Pritschenwagen erkennen. „In zwei Monaten muß die
Karre zum TÜV, spätestens dann ist der Wagen auch weg“, ging es dem Fahrradfahrer
durch den Kopf. Es war zum Heulen. Ohne gesunden Rücken keine volle Arbeitsleistung,
ohne volle Arbeitsleistung weniger Aufträge, ohne Aufträge kein Geld für Materialien,
Auto und Werbung, ohne diese Sachen keine Aufträge, ohne Aufträge… „Ein Teufelskreis.
Wie komme ich da nur raus?“ fragte sich Jochen wohl zum tausendsten Male.
Die Glückssträhne hielt an. Im Treppenhaus wartete vor seiner Wohnungstür der Hausmeister.
Jochen wollte noch flüchten, doch der Mann hatte ihn bereits entdeckt. „Da sind
Sie ja endlich!“ ereiferte er sich. „Ich sag’s Ihnen zum letzten Mal: räumen Sie
gefälligst Ihre Wohnung auf, besonders die Küche, damit wir uns vor den Interessenten
nicht blamieren. Wir werden Sie in Haftung nehmen, sollten noch weitere Wohnungssuchende
Ihretwegen abspringen.“ Wortlos drängelte sich Pohlkötter an dem Kerl vorbei und
schloß die Tür auf. Ein gefährlicher Drache hockte nur wenige Meter entfernt auf
einem Felsen, bereit, jeden Besucher anzuspringen. Jochen wollte die Tür bereits
schließen, doch der Hausmeister hatte sich bereits ungefragt in den Flur gedrückt.
„Und das da“, fuhr er auf das große Poster in einem edlen Rahmen zeigend mit seiner
Strafpredigt fort, „nehmen Sie am besten gleich ab. Der Interessent gestern Mittag
war von diesem Anblick nicht sehr begeistert,“ - Jochen kreiselte herum. „Sie waren
in meiner Abwesenheit mit einem Fremden hier? Noch ist das meine Wohnung“, brach
es aus Jochen hervor, „und ich hänge hier auf, wen oder was ich will!“ - „Nicht
mehr lange, Herr Pohlkötter. Der Hausbesitzer hat mich heute angerufen. Sie haben
immer noch nicht die Miete für letzten Monat gezahlt, und dieser Monat ist auch
schon fast um.“ - „Wissen Sie was? Sie haben recht. Ich werde das Poster sofort
abhängen und dafür ein Photo von Ihrer Frau ankleben, wie sie sich auf dem Balkon
oben ohne herumräkelt. Davon werden die Interessenten bestimmt nicht begeistert
sein.“ - Der Hausmeister japste nach Luft und war so geschockt, daß es Jochen gelang,
den Störenfried aus seiner Wohnung zu schubsen.
„Jeden Tag eine gute Tat“, brummte Jochen zufrieden, stellte seinen Rucksack ab
und wollte gerade in die Küche gehen, um sich etwas zu trinken zu holen, da fiel
sein Blick auf den Anrufbeantworter. Der Rhythmus des blinkend Lämpchens sagte ihm,
daß während seiner Abwesenheit ein einzelner Anruf eingegangen war.
Zu seinem Freundeskreis hatte Jochen nur noch wenig Kontakt. Sie hatten alle ihre
Arbeit und somit auch das nötige Kleingeld für gesellige Unternehmungen Anfangs
hatten sie noch darauf bestanden, daß Jochen mitkam und für ihn die Zeche bezahlt,
doch schnell hatte sich der kränkelnde Kleinstunternehmer von selbst rar gemacht.
Auch seine Beziehung war den Bach heruntergegangen; seine Lebensgefährtin hatte
sich nach dem Unfall schnell als recht anspruchsvoll herausgestellt - ein Zug, der
ihm bis dahin gar nicht aufgefallen war. Überhaupt hatte Jochen staunend erkannt,
wieviele Dinge des täglichen Lebens, die er für selbstverständlich gehalten hatte,
Geld kosteten - Geld, das er nicht mehr besaß. Als Anna ihn verließ, hatte er gedacht,
eine Welt bräche zusammen, doch mittlerweile weinte er ihr keine Träne nach.
Sollte dann etwa ein Kunde…? Jochen kniff die Augen zu und stieß mit seinem Zeigefinger
auf die Abruftaste hinunter. Nach einigen Sekunden ertönte aus dem kleinen Lautsprecher
eine volle, fröhliche Stimme. „Hallo, Herr Pohlkötter!“ - „Mist!“ durchfuhr es Jochen.
„Schon wieder so ein verkackter Lotterieverkäufer!“ - „Mein Name ist Funke von der
Agentur für Arbeit. Ich habe hier ein interessantes Angebot, das zu ihrem Berufsbild
paßt. Kommen Sie doch morgen zwischen 10 und 12 in mein Büro. Dritter Stock, Zimmer
324. Tschüskes!“
Er spielte die Nachricht noch dreimal ab und konnte selbst dann immer noch nicht
glauben, was er hörte, zumal ein Mann namens Funke nicht sein Fallberater war. Jochen
beschloß dennoch, diese Neuigkeit gebührend zu feiern und machte sich endlich auf
den Weg in die Küche, um nach dem Anlaß entsprechenden Getränken zu suchen.
Noch ein paar Sekunden, dann war es soweit. An der schmucklosen Wand auf dem Flur
hing die Mutter aller Digitalwanduhren. Mit lautem Klacken klappte das nächste Fallblatt
um. 10:10. Der nervöse junge Mann atmete tief durch, dann ging er auf die weiße
Tür mit der großen Milchglasscheibe zu und klopfte zaghaft. - „Herein“, brüllte
die Stimme, die Jochen vom Anrufbeantworter her kannte, „wenn’s kein Steinmetz ist,
haha!“ beendete der Sprechen den Satz als Pohlkötte eintrat. Hinter dem Schreibtisch
saß ein gemütlicher, älterer Herr mit struppigem Vollbart und Brille, Typ Gute-Laune-Bär.
- „Tja, dann gehe ich mal wieder“, seufzte Jochen gespielt und drehte sich um. -
„Dann müssen Sie ja der Herr Pohlkötter sein“, staunte der Beamte übertrieben. -
„Wo ist die versteckte Kamera?“ sorgte sich Jürgen und blickte sich vorsichtig um.
Diese Befürchtungen behielt Jochen für sich. Stattdessen hoffte er, Informationen
von jenem seltsamen Menschen zu erhalten. „Lassen Sie mich raten: mein bisheriger
Berater hat entnervt aufgegeben, und Sie sind für die hoffnungslosen Fälle zuständig.“
- „Nein, nein“, widersprach Herr Funke energisch, „ich bin für die interessanten
Fälle zuständig. Die Sache verhält sich so“, setzte der Mann zu einer Erklärung
an und wies auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch. „Ein guter Freund von
mir sucht händeringend einen Steinmetz und hat sich an mich gewandt.“ - Jochen fragte
sich, warum dieser Freund nicht einfach in den Gelben Seiten nachgeschlagen hatte.
„Hat Ihr Freund auch gesagt, für welche Arbeiten er einen Steinmetz braucht?“ -
„Nein, leider nicht, aber wenn ich ihn richtig verstanden habe, handelt es sich
um einen längerfristigen Auftrag. Deshalb ist er ja zu mir gekommen. Und da habe
ich einfach mal meinen Kollegen Computer gefragt.“ Stolz klopfte Funke auf den altersschwachen
Röhrenmonitor. - Jochen konnte sein Glück kaum fassen. Dann jedoch verfinsterte
sich seine Miene kurz. „Halt jetzt bloß deine Klappe, du Idiot!“ ermahnte er sich
der Arbeitsuchende scharf, doch wußte er bereits, wie dieser innere Konflikt ausgehen
würde. „Ich bin einfach zu gut für diese Welt. Wenn ich diesen Job jetzt wegen des
nächsten Satzes verliere, werde ich mir das für den Rest meines Lebens nicht vergeben“,
schwor er sich, nur um sich fragen zu hören: „Hat Ihnen Ihr Computer auch verraten,
daß ich Rückenprobleme habe?“. Vorsichtig tastete sich der Steinmetz auf das Minenfeld
vor, doch Funke winkte ab. - „Jaja, hab’ ich meinem Bekannten alles schon erklärt,
doch er ist der Meinung, für diesen Auftrag sei es egal.“ Mit einem Male wurde Funkes
Gesicht ernst. „Damit wir uns nicht mißverstehen, Herr Pohlkötter, hier geht alles
seinen geordneten Gang. Da läuft nichts unter der Hand oder so. Ich werde morgen
meinen Bekannten anrufen und mich nach Ihnen erkundigen. Das Ergebnis Ihres Gespräches
mit ihm wird in Ihre Datei aufgenommen werden.“ - Beinahe erleichtert nickte der
Angesprochene. Die bislang geradezu kafkaeske Situation hatte durch Funkes Erklärung
deutlich an Realität gewonnen. Doch sofort hellte sich das wuschelige Gesicht wieder
auf, sein Besitzer kritzelte etwas auf einen Zettel und überreichte das Papier seinem
Besucher. - „Hier ist die Adresse. Fahren Sie gleich hin, und machen Sie mir ja
keine Schande, haha!“
Kaum hatte Jochen Pohlkötter das Büro verlassen, griff Funke mit ernstem Gesicht
zum Telephon.
Anstatt Funkes Rat zu befolgen, machte sich Jochen auf den Heimweg. Er hatte schließlich
Berufsstolz. Aufgedreht stürmte er in seine Wohnung, wobei er sogar die leichten
Rückenschmerzen vergaß, die er sich auf dem Rad geholt hatte. Fröhlich pfeifend
holte er aus dem Schrank seine Zunftkleidung aus grauem, grobem Cord. Nach dem Umziehen
schnappte sich Pohlkötter den Autoschlüssel und stürmte hinaus.
Zögernd drehte Jochen den Zündschlüssel bis zur nächsten Position. Die üblichen
Warnlampen leuchteten auf - und ein Licht, welches nach Auffassung des Fahrers in
dem Farbenspiel nichts zu suchen hatte. Ärgerlich tippte Pohlkötter mit dem Fingernagel
gegen die Tankanzeige. Keine Reaktion. Das Klopfen wurde heftiger. Beinahe bockig
rutschte die Nadel ein winziges Stückchen höher. Der Fahrer vergrub sein Gesicht
in den Händen. Trotzig drehte er den Schlüssel weiter, und der Motor sprang mit
einem stotternden, ironischen „Tüvtüvtüv“ an. So verstand es zumindest der Fahrer,
der langsam die Geduld verlor. Bevor es sich sein Auto anders überlegen konnte,
steuerte Pohlkötter den Pritschenwagen aus der Parklücke.
Auch diesmal führte ihn sein Weg nicht zu der Adresse auf dem Zettel in seiner Tasche.
Zunächst begab sich der Steinmetz zu seiner Werkstatt. Diese war in einer kleinen
Halle nicht weit von seiner Wohnung eingerichtet. Sein Arbeitsplatz erschien ihm
wie ein einzelner Sonnenstrahl in der Finsternis des Daseins. Der Eigentümer der
Halle, ein pensionierter Handwerker, überließ ihm das Gebäude mietfrei. Jochen mußte
nur für die Nebenkosten aufkommen, die sich angesichts der überschaubaren Auftragslage
in Grenzen hielten. „Bald werde ich hier wohl buchstäblich meine Zelte aufschlagen
müssen“, grübelte Pohlkötter, als er die Halle betrat. Er lud einige Untensilien
auf die Ladefläche und machte sich endlich auf den Weg zu seinem ominösen Auftraggeber.
Er hatte sich die Fahrtroute zuvor auf seinem zerfledderten Stadtplan angesehen.
Obwohl Jochen Pohlkötter in dieser Stadt geboren worden war, staunte er beim Abbiegen
von einer verkehrsreichen Straße, daß ihm die Gegend, in die er jetzt fuhr, gänzlich
unbekannt war. Dabei war er die Hauptstraße, die er soeben verlassen hatte, schon
unzählige Male entlanggefahren. Doch in die Seitenstraßen hatte es ihn noch nie
verschlagen. Das Staunen wurde noch größer, als sich die enge Straße nach wenigen
Metern in einen Kreisverkehr wandelte.
Jochen glaubte zu träumen. Er fühlte sich plötzlich in ein winziges, idyllisches
Dorf versetzt. Den Mittelpunkt bildete eine alte Kirche; eine typische Stadtteilkirche,
wie sie vor vielen Jahrhunderten erbaut worden waren, als beinahe jeder Bürger regelmäßig
an Gottesdiensten teilnahm. Mit Kennerblick erkannte der Betrachter, daß sich das
Gebäude in einem guten Zustand befand. Um die Kirche herum breitete sich eine große
Rasenfläche aus; spielende Kinder vervollständigten das Idyll. Um den Rasen herum
verlief der Kreisverkehr. Den äußersten Ring bildeten die gediegenen Villen aus
der Gründerzeit. Was dem Besucher nun beinahe als Traumbild erschien, mußte vor
weniger als 150 Jahren ein tiefgreifender Einschnitt gewesen sein, denn wie die
Kirche bewies, handelte es sich hier um einen sehr alten Teil der Stadt. Irgendwann
hatten neureiche Bürger das Viertel für sich entdeckt und die alten Häuser abgerissen,
um an diesem Platz ihre modernen Statussymbole zu errichten.
Jochen kramte den Zettel aus seiner Tasche und suchte die Häuser nach der passenden
Nummer ab. Das Ziel mußte sich direkt gegenüber seinem jetzigen Standort befinden.
Also kuppelte Pohlkötter den ersten Gang ein und fuhr langsam nach rechts in die
gebogene Straße ein. Was sich langsam hinter der Kirche hervorschälte, ließ den
Fahrer staunen. Auf den ersten Blick schien sich der wuchtige mehrstöckige Bau aus
roten Ziegeln nicht in das gründerzeitliche Ensemble einzufügen, doch auf den zweiten
Blick offenbarte sich dem Betrachter ein unerwartetes architektonisches Zusammenspiel
mit dem alten Gotteshaus. Als Pohlkötter aus dem Wagen stieg, umfing ihn beinahe
völlige Stille, nur die Geräusche der spielenden Kinder drangen an sein Ohr. Der
Handwerker ließ seinen Blick über die Kirche schweifen und entdeckte sofort die
vielen Verzierungen; so war die Mauer unter dem Dach des Kirchenschiffes großzügig
mit phantasievoll gearbeiteten Wasserspeiern, sogenannten Gargouilles oder Gargoyles,
ausgestattet worden. Als sich der Ankömmling seinem eigentlichen Ziel zuwandte,
entdeckte er an der Frontfassade des Ziegelbaus ebenfalls mehrere dieser steinernen
Dämonen. Da das Gebäude beinahe genauso hoch war wie das Kirchenschiff schien es,
als schnitten sich die Ungeheuer gegenseitig wilde Grimassen. An einigen der kunstvollen
Regenablässe konnte Jochen erkennen, daß sie vom Zahn der Zeit recht arg bearbeitet
worden waren; einige der Ungeheuer waren jedoch bereits renoviert worden, bei anderen
schienen die Renovierungsarbeiten abgebrochen worden zu sein. Zumindest glaubte
der Handwerker, nun eine ungefähre Vorstellung von seinen zukünftigen Aufgaben zu
haben.
Derart ermuntert stieg er die Treppe zu der großen Eingangstür hoch. Während des
Aufstiegs nahm der Besucher das große, vergoldete Schild wahr, auf dem die Bezeichnung
‚Preußisch-Westfäisches Institut für Traumforschung’ eingraviert war. Jochen interessierte
sich für Geschichte nur insoweit, wie es seinen Beruf betraf. Doch war er ein treuer
Anhänger des lokalen Fußballklubs, was angesichts der momentanen sportlichen Leistungen
einer ausgeprägten Neigung zum Masochismus gleichkam. Durch seine Hingabe an den
Verein, Preußen 04, hatte Jochen zumindest eine blasse Ahnung davon, daß seine Heimatstadt
im Herzen Westfalens einst Teil des berühmt-berüchtigten Staates Preußen gewesen
war. Daher verschwand seine Irritation ob des seltsamen Adjektivs schnell, einzig
der Zweck des Instituts ließ den Besucher die Stirn runzeln.
An einem der oberen Fenster stand eine ältere Frau und beobachtete den Ankömmling.
„Hoffentlich hat Funke recht“, murmelte sie. „Hoffentlich ist es diesmal der Richtige.“
Der Zeigefinger hatte den altertümlichen Klingelknopf noch nicht berührt, da öffnete
sich bereits die große Tür, und ein angejahrter Butler trat heraus. „Sie wünschen?“
Seine Stimme besaß jene unnachahmliche Mischung aus Höflichkeit und Herablassung,
die man von einem solchen Mann erwartete. Jochen bekam das Gefühl, von zwei Röntgenstrahlern
durchleuchtet zu werden, die hinter den halbgeschlossenen Augenlidern des Butlers
sitzen mußten. Er stellte sich vor und nannte sein Anliegen. „Wenn Sie mir bitte
folgen würden?“ Der Butler führte Jochen in einen kleinen Warteraum. Dort angekommen,
kramte Pohlkötter aus einer der Westentaschen eine zerknitterte Visitenkarte und
überreichte sie dem älteren Mann; er hatte sowas mal im Fernsehen gesehen. Tatsächlich
zauberte der Butler aus dem Nichts ein kleines Silbertablett hervor, ergriff mit
spitzen Fingern das Kärtchen und plazierte den Gegenstand auf der Unterlage. „Wenn
Sie bitte hier warten würden, Herr…“, er schielte auf die Karte, „Pohlkötter. Ein
Mitarbeiter wird sofort erscheinen.“ Damit verschwand der seltsame Mensch durch
eine weitere Tür. - „Worauf habe ich mich jetzt nur wieder eingelassen?“ fragte
sich Jochen verwirrt.
Doch bevor der Handwerker noch weiter über seine Situation sinnieren konnte, öffnete
sich die Tür erneut, und ein Mann trat ein. Jochen schätzte ihn einige Jahre älter
als sich selbst. - „Guten Tag, Herr Pohlkötter“, begrüßte er den Besucher, „mein
Name ist Erik Meier. Schön, daß Sie so schnell kommen konnten. Bitte folgen Sie
mir.“ Mit diesen Worten führte er Jochen in ein Büro. Die beiden Männer hatten kaum
in einer Sitzecke Platz genommen, da stand mit einem Male der Butler mit einem weiteren
Tablett im Raum und stellte formvollendet ein Teeservice auf den Tisch, goß beiden
ein und verschwand ohne auch nur ein Wort zu sagen, ja beinahe ohne ein Geräusch
zu verursachen. „Friedhelm. Die gute Seele des Instituts“, erklärte Meier und setzte
mit einem Grinsen hinzu: „Ohne ihn würde hier innerhalb weniger Tage alles zusammenbrechen.“
Jochen wollte gerade zu einer halbwegs intelligenten Antwort ansetzen, da redete
Meier schon weiter. „Am besten, ich erzähle Ihnen ein wenig über uns, dann bekommt
unsere Chefin, Professor Doktor Weseler, genug Zeit, hierher zu kommen.“ Er nahm
einen Schluck Tee, und beinahe sofort nahm sein Gesicht einen Ausdruck äußersten
Wohlbehagens an. „Köstlich. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Haben Sie schon
einmal von uns gehört?“ Jochen mußte diese Frage verneinen. „Das macht nichts, Herr
Pohlkötter. Tatsächlich ist das ein gutes Zeichen. Wir sind nämlich nicht versessen
auf allzu große Publicity. Dabei darf ich Ihnen voller Stolz verraten, daß wir auf
unserem Gebiet zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen gehören. Hinzu
kommt, daß wir auf eine fast 120-jährige Geschichte zurückblicken können. Ich zeige
Ihnen bei Gelegenheit die Gründungsurkunde, unterschrieben vom damaligen Regierungspräsidenten
der Provinz Westfalen, von Gescher. Irgendwo haben wir sogar noch ein Glückwunschtelegramm
von Willi Zwo.“ Bei den letzten Worten mußte der Besucher wohl ein dummes Gesicht
gemacht haben, denn Meier erklärte: „Ich meine natürlich Kaiser Wilhelm II.“
„Das Telegramm hängt in meinem Büro an der Wand, Sie Ignorant. Wenn Sie öfter an
den Besprechungen dort teilnähmen, wüßten Sie das, Herr Meier.“ - Der Angesprochene
hatte gerade einen weiteren Schluck Tee zu sich genommen und begann beim Erklingen
der leisen, aber strengen Stimme zu husten. Als er sich wieder beruhigt hatte, stellte
er grinsend die eingetretene Dame und Jochen gegenseitig vor. Bei der Leiterin des
Instituts handelte es sich um eine kleine, zierliche, ältere Dame, welche vor Energie
und Kompetenz strotzte. Weseler und Pohlkötter hatten gerade mit dem Smalltalk begonnen,
da wurden sie von einem atemlosen Keuchen abgelenkt. Ohne sich umzudrehen sprach
die Professorin mit erhobener Stimme: „Wir sind in Eriks Büro.“
Nur Augenblicke später trat ein weiterer Mann ins Zimmer, und Jochen erlebte ein
déjà vu aus seiner unbeschwerten Kindheit: runder Bauch, runder kahler Kopf, runde
dicke Brille - vor ihm stand zweifelsfrei Dr. Bunsenbrenner aus dem „Muppets“-Labor.
Und auch wenn Professor Weseler ihren Mitarbeiter als „Doktor Münch, Experte in
Theoretischer Physik“ vorstellte, würde der kauzige Kerl in Jochens Gedanken für
immer der seltsame Erfinder aus der Puppen-Sendung bleiben. Dann kam der Steinmetz
jedoch ins Grübeln. „Wieso Physik? Was hat Physik mit Traumforschung zu tun?“ wunderte
er sich. - „Sie sind also der Neue“, freute sich Münch-Bunsenbrenner und strahlte
Jochen an. - „Moment, Moment!“ unterbrach Pohlkötter den herzlichen Empfang. „Ich
weiß doch noch nicht einmal, worum es geht!“ Betretenes Schweigen. Offenbar ging
jeder der Anwesenden davon aus, daß Jochen den Auftrag annehmen würde. Um die Situation
zu entschärfen, setzte Pohlkötter hinzu: „Obwohl ich mir denken kann, weshalb Sie
mich gerufen haben.“ Die Reaktion fiel deutlicher aus als der Handwerker gedacht
hatte, denn die Instituts-Mitarbeiter starrten ihn erschrocken an. „Was habe ich
denn jetzt angerichtet?“ fragte sich Jochen verwirrt. „Bei meiner Ankunft habe ich
die schönen Gargouilles gesehen. Offensichtlich sind die Restaurierungsarbeiten
unterbrochen worden.“ - Kollektives Aufatmen. Gleichzeitig nahmen die Mienen der
Drei einen traurigen Ausdruck an. Schließlich murmelte Meier: „Ach ja, die Gargoyles.
Das war Heinrichs Privatprojekt.“ Meier räusperte sich und straffte seinen Körper.
„Die Wasserspeier können Sie natürlich auch renovieren. Später, wenn Sie mal Lust
dazu haben. Kommen Sie, Herr Pohlkötter, es wird Zeit, daß Sie mehr über Ihre Aufgabe
erfahren.“ - „Das wird mir alles zu unheimlich. Ich muß hier irgendwie raus“, entschied
Jochen und wagte einen Vorstoß. „Wer ist Heinrich?“ - Nach einer weiteren Schweigeminute
setzte Münch zu einer Antwort an. „Heinrich war Ihr Vorgänger. Er ist leider-“ -
„Entschlafen“, fiel die Institutsleiterin dem Physiker ins Wort. „Unerwartet für
uns alle, ein großer Verlust.“ - „Entschuldigung. Mein Beileid“, murmelte Jochen
betroffen während er sich Vorwürfe machte, das Thema angesprochen zu haben.
Im hinteren Teil des Hauses lag eine Werkstatt, wie sie Jochen nicht erwartet hatte.
Er erkannte nicht nur die für seine Zunft typischen Materialien und Werkzeuge, die
restliche Ausstattung ließ den Betrachter darauf schließen, daß Heinrich eine Art
Hausmeister gewesen sein mußte, der sich um alle Handarbeiten in dem großen Gebäude
gekümmert hatte. Pohlkötter sah zudem, daß seit dem Ableben des Mannes beinahe alles
unverändert geblieben war. Er hatte das unheimliche Gefühl, der Benutzer dieser
Gegenstände habe nur für kurze Zeit seinen Arbeitsplatz verlassen.
„Dies wird Ihr Reich werden, Herr Pohlkötter“, durchbrach Weseler resolut die düstere
Stimmung. „Sie müssen wissen, wir setzen große Hoffnungen in Sie, junger Mann. Wir
haben uns umfangreich über Sie erkundigt und sind zu der Überzeugung gekommen, daß
Sie für die geforderten Aufgaben bestens geeignet sind. - Jochen sah die Akademikerin
fragend an, doch es war Meier, der ihm den Tiefschlag versetzte. „Tolles Poster
in Ihrem Flur. Hat mir gut gefallen. - „Er ist in meine Wohnung eingebrochen! Was
hat er alles durchsucht? O Gott, hat er etwa die Magazine unter´m Bett gefunden?!“
Jochens Gedanken rasten. - Seine Begleiter schienen nichts von dem mitzubekommen,
was sie bei ihrem Besucher anrichteten, denn Meier erzählte stolz weiter. „Nachdem
mein Freund Funke vom Arbeitsamt uns Ihre Daten gegeben hatte, bin ich gleich mal
bei Ihnen vorbeigefahren und habe dort das Schild in Ihrem Fenster gesehen. Die
Gelegenheit habe ich natürlich genutzt, und ich muß sagen, Ihr Faible für Fantasy
hat Ihre Chancen bei uns erhöht.“ - „Sie waren also der Interessent“, stammelte
Jochen überrumpelt. Zu den Mitteln der Hausverwaltung, die Pohlkötter aus der Wohnung
treiben sollten, hatte auch die Anbringung eines ‚Zu vermieten’-Schildes mit genauer
Datumsangabe in seinem Wohnzimmer-Fenster gehört. - „Wir wissen also einigermaßen
über Sie bescheid“, riß Weseler mit leiser Stimme die Unterhaltung wieder an sich.
„Was wir jetzt noch brauchen, ist eine Arbeitsprobe.“ Sie blickte Jochen von Kopf
bis Fuß an. „Glücklicherweise sind Sie schon passend gekleidet. Ich darf Ihnen versichern,
wenn Ihre Arbeit unseren Anforderungen genügt, werden Sie bei uns eine Anstellung
auf Lebenszeit erhalten. Sie werden keine Reichtümer verdienen, aber Ihre Rechnungen
bezahlen können.“
Jochen glaubte zu träumen. „Anstellung auf Lebenszeit? Geregeltes Einkommen? Wo
ist der Haken?“ Doch stattdessen brachte er nur ein dümmliches „Wo muß ich unterschreiben?“
hervor. Die Anwesenden lachten pflichtschuldig. Prof. Dr. Weseler schaute ostentativ
auf ihre Uhr, murmelte undeutlich vor sich hin und verabschiedete sich hastig unter
dem Vorwand noch wartender Arbeit. Offensichtlich fühlte sie sich in der Werkstatt
nicht sehr wohl. Sie hatte den Raum fast verlassen, da erklang ihre Stimme: „Kommen
Sie, Münch, lassen wir die beiden alleine.“ Der Angesprochene zuckte zusammen und
trottete dann ergeben hinter seiner Chefin her.
Die beiden verbleibenden Männer warteten, bis der Physiker den Raum verlassen hatte.
„Tja, die Frau weiß, wie man den Laden auf Trab bringt“, wandte sich Meier grinsend
an den Steinmetz. - „Warum haben Sie mich ausspioniert?“ fuhr Pohlkötter den überraschten
Instituts-Mitarbeiter an. - Meier blickte Pohlkötter einige Sekunden lang betroffen
an, dann hatte sich der Akademiker wieder unter Kontrolle. „Wie Professor Weseler
schon sagte, handelt es sich um eine Anstellung auf Lebenszeit. Da wollen wir natürlich
wissen, mit wem wir es zu tun haben. Ich wurde vor meiner Einstellung genauso überprüft
wie Münch, Friedhelm und Weseler vor langer Zeit selbst auch; dasselbe gilt für
die restlichen Mitarbeiter.“ - „Es gibt noch mehr?“ - „Zwei weitere Wissenschaftler.
Sie werden sie vielleicht später kennenlernen.“
Beinahe gewaltsam wechselte Meier das Thema, indem er die bevorstehende Aufgabe
ansprechend auf einen kleinen Tisch zuging, den der Handwerker bislang kaum beachtet
hatte. Der Akademiker hob ein verschmutztes Tuch hoch und enthüllte damit zwei Gegenstände.
Neugierig trat der Steinmetz näher. Er sah einen recht flachen, leicht ovalen, grauen,
unbearbeiteten Stein von etwa dreißig Zentimetern Durchmesser und drei Zentimetern
Höhe. Daneben lag ein etwas kleinerer Stein, welcher jedoch eindeutig bearbeitet
worden war. Er besaß eine Sternform und paßte wohl gerade noch auf eine Handfläche.
„Ihre Aufgabe besteht darin“, wies Meier den Handwerker ein, „eine Kopie des Sternsteines
anzufertigen. Eine möglichst exakte Kopie“, präzisierte der Wissenschaftler. Jochen
nahm den sternförmigen Stein in seine Hände. Er war so auf den Gegenstand fixiert,
daß er Meiers besorgten Blick und die nachfolgende Erleichterung nicht wahrnahm.
Wie der Handwerker beinahe sofort feststellte, handelte es sich bei dem Material
um grauen Speckstein. Durch Drücken und Kratzen mit dem Fingernagel erkannte Jochen,
daß diese Sorte nicht zu den weichesten gehörte.
Grauer Speckstein war nichts Ungewöhnliches, dennoch kam Pohlkötter der sternförmige
Stein in seiner Hand eigenartig fremd vor. Er wandte sich an Meier, der ihn die
ganze Zeit hindurch beobachtet hatte, und fragte ihn nach der Herkunft des Materials.
- Der Angesprochene lächelte. „Sagen wir, es hat eine weite Reise hinter sich.“
- „Und diese Zeichen hier, soll ich die auch einritzen?“ fragte Jochen und wies
auf die zum Teil winzigen exotischen Symbole, die in den Stern eingekerbt waren.
- „Die sind sehr wichtig“, erklärte Meier mit feierlicher Stimme. Die beiden Männer
wechselten noch einige Worte, dann verließ auch der letzte Wissenschaftler die Werkstatt,
und Pohlkötter machte sich an die Arbeit.
Sein Rücken schmerzte wieder, und vor dem Fenster versank die Welt langsam in Dunkelheit.
Über seiner Arbeit hatte Jochen die Zeit ganz vergessen. Beinahe mechanisch hatte
er sich von den Tabletts bedient, die der Butler in regelmäßigen Abständen in die
Werkstatt getragen hatte. Nun blickte der Steinmetz mißmutig auf das Ergebnis seiner
stundenlangen Plackerei. Hätte die Aufgabe darin bestanden, seinen Arbeitsplatz
und sich selbst einzusauen, dann konnte Pohlkötter mit seiner Arbeit vollkommen
zufrieden sein. Leider waren die Anforderungen des Instituts geringfügig höher gewesen.
Tisch, Boden und seine Kleidung waren mit einem weißen, schmierigen Film überzogen.
„Heißt ja nicht umsonst auch soapstone“, brütete Jochen bitter. Wie auf Kommando
öffnete sich die Tür zur Werkstatt, und die heilige Dreifaltigkeit trat ein. Simultan
erschien auf den Gesichtern ein schadenfrohes Grinsen, als die Ankömmlinge des Chaos
ansichtig wurden. Jochen beschloß, die anscheinend gute Laune seiner Arbeitgeber
zu nutzen und überlegte sich, wie er die folgende Mitteilung in passende Worte kleiden
konnte. „Hoffentlich haben Sie einen großen Rasen oder viel Geschirr“, begrüßte
er mit einem verlegenen Lächeln die drei Besucher. Als sie ihn ratlos anblickten,
setzte Pohlkötter hinzu: „Ich fürchte, ich hab’s vermasselt.“
Sofort stürzte sich das Trio auf die Werkbank, wo Jochens Arbeit lag. - „Na, das
ist doch gar nicht so schlecht. Das probieren wir morgen doch gleich nochmal“, freute
sich Meier. Weseler gab sich wesentlich kritischer. Sie holte ein Taschentuch hervor,
nahm den neuen Sternstein vorsichtig in die Hand und begutachtete ihn sorgfältig.
Schließlich ließ sie sich dazu herab, dem Handwerker ein gewisses Talent zuzusprechen.
- „Ich finde den Stein schön“, bekannte Münch und löste damit bei seiner Chefin
ein entnervtes Aufstöhnen aus. - „Leider kommt es nicht so sehr auf Schönheit an“,
belehrte die Institutsleiterin den rundlichen Physiker. „Sie können diesen Stein
bei Ihrer nächsten Mission gerne auf seine Wirksamkeit hin prüfen, doch unsere restlichen
Abnehmer sind in dieser Angelegenheit wohl nicht so experimentierfreudig.“ Der Gescholtene
murmelte etwas, das wie ‚immer so streng’ klang. „Ich muß streng sein“, verteidigte
sich die zierliche Dame mit leiser, aber energischer Stimme. „Das hier ist schließlich
kein Vergnügungspark. Wir haben eine Mission zu erfüllen, auch wenn Sie sich aufführen
wie ein Vierjähriger in der Spielzeugabteilung.“ Münch verzog beleidigt das Gesicht
und schwieg. - „Abnehmer? Mission? Herrgott, wo bin ich nur gelandet?“ fragte sich
Jochen besorgt. - „Herr Meier wird Ihnen zeigen, wo Sie duschen können.“ Mit diesen
Worten riß Weseler den Handwerker aus seinen Gedanken. - „Dort hinten sind ein Waschbecken
und eine Dusche.“ Jochen zeigte in eine Ecke der Werkstatt, doch Meier erklärte,
die Dusche funktioniere momentan leider nicht und bot dem Steinmetz eine andere
Waschgelegenheit an. - „Lassen Sie Ihre Schuhe hier, und folgen Sie mir bitte.“
- Alle vier Personen verließen die Werkstatt.
Meier führte seinen Begleiter in ein Gästezimmer im ersten Stock des großen Hauses.
Jochens Einwände, er könne auch zuhause duschen und wolle keine Umstände bereiten,
wurden von dem Angestellten des Instituts freundlich ignoriert.
Als Jochen Pohlkötter das kleine Badezimmer wieder verließ, war seine Arbeitskleidung
verschwunden. Stattdessen lagen „zivile“ Kleidungsstücke auf dem Bett. Jochen war
ernsthaft versucht, mit umgeschlungenem Handtuch auf die Suche nach seinen dreisten
Gastgebern zu gehen, seine Kleidung zurückzufordern und nach Hause zu fahren. Glücklicherweise
meldete sich rechtzeitig die zweite Synapse in seinem Hirn, worauf der Handwerker
brummelnd die neuen Kleidungsstücke anzog. Überrascht stellte er fest, daß die meisten
Dinge paßten. „Vermutlich hat dieser Meier auch das in meiner Wohnung nachgeforscht.
Dann hat er bestimmt auch unter meinem Bett nachgesehen“, dachte Jochen hilflos.
Er war gerade die Treppe zur Hälfte heruntergeschritten, da kam der lautlose Butler
in sein Blickfeld. Nach zwei weiteren Stufen informierte Friedhelm den Gast, die
Gesellschaft erwarte ihn im Speisezimmer. Damit sich Pohlkötter nicht verlief, schwebte
das Factotum voran.
Gleich bei seinem Eintreten bemerkte Jochen das neue Gesicht. Es gehörte zu einer
Frau um die Dreißig, und alles in diesem Gesicht schien irgendwie spitz oder kantig
zu sein: das Kinn, die etwas zu groß geratene Nase, der etwas zu kleine Mund; dennoch
eine Person, die man sofort wieder vergessen würde. Dann blickte Jochen für einige
Sekunde in ihre Augen - und war verloren. Die großen strahlend blauen Augen schienen
ihn magisch anzuziehen. Nur mühsam konnte er sich losreißen. Die Frau wurde ihm
als Doktor Veronika Szymiczek vorgestellt, ihres Zeichens medizinische Leiterin
des Instituts. Die Ärztin schien Erfahrung damit zu haben, welche Reaktion ihr Name
bei fremden Menschen auslöste, denn sie ergänzte Weselers Worte sofort. „Nennen
Sie mich einfach Veronika.“ Jochen wurde brutal aus seinem kurzen, romantischen
Traum gerissen. Dr. Veronika mußte als Vorspeise gerade ein Reibeisen geschluckt
haben oder Kettenraucherin sein; ihre Stimme verursachte auf Jochens Kopfhaut ein
unangenehmes Kribbeln und er glaubte zu spüren, wie sich seine Zehennägel aufrollten.
Er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen und begrüßte die Medizinerin. Der
runde Eßtisch stand in der Mitte des Raumes, und Jochen bewegte sich unsicher auf
den einzigen freien Platz zu. Sofort war Friedhelm zur Stelle und rückte dem Gast
seinen Stuhl zurecht. Wie es der Zufall wollte, saß Pohlkötter fast gegenüber von
Dr. Veronika.
Die Gespräche während des ausgezeichneten Dinners drehten sich um die verschiedenen
Arbeitswelten der Anwesenden. Interessiert lauschten die Akademiker einigen Schwänken
aus Jochens bewegtem Leben und zollten seinem Kampfgeist angesichts seiner momentanen
ökonomischen Situation hohen Respekt. Als Belohnung erhielt der Gast Einblicke in
das Wirken am Institut. Professor Weseler war Psychologin, Meier befaßte sich neben
der Psychologie auch mit Kulturgeschichte, die blauäugige Ärztin sorgte sich um
das Wohl der Patienten und Probanden im Institut, und Münch-Bunsenbrenner hatte
immer noch keine vernünftige Erklärung für seine Anwesenheit parat. Ein weiterer
Mitarbeiter, so erfuhr Pohlkötter, hatte sich bereits „zur Ruhe begeben“. Durch
geschicktes Fragen gewann der Steinmetz den Eindruck, daß diese Institution nicht
gerade von Kunden oder Patienten überrannt wurde; vielmehr schienen sich die Leute
hier mit sich selbst und ihren Experimenten zu beschäftigen. Dabei ergaben alle
Erklärungen der Mitarbeiter im ersten Moment einen Sinn, doch wenn Jochen während
der kurzen Intervalle, in denen sich alle dem kulinarischen Genie Friedhelms hingaben,
über das Gesagte nachdachte, bildeten die Informationen kein vernünftiges Bild.
In diesem Puzzle fehlten zu viele Teile, darunter derjenige, der die Arbeit seines
Vorgängers Heinrich und damit auch ihn selbst betraf.
Schließlich schüttelte Jochen erschöpft den Kopf, bedankte sich für alles und wollte
sich verabschieden. - „Aber Sie können in diesem Zustand doch nicht Auto fahren!“
protestierte Weseler und sah schnell zu Dr. Szymiczek herüber, die den Ball sofort
auffing und ihrer Chefin assistierte. - „Aus medizinischer Sicht kann ich das nicht
erlauben“, ließ sie ihre kratzende Stimme erklingen. - „Friedhelm hat bereits das
Zimmer, in dem Sie sich frisch gemacht haben, für Sie hergerichtet“, erklärte die
Professorin. - Ein Bekannter hatte Jochen von speziellen Bewerbungsverfahren für
Manager berichtet, bei denen die Aspiranten mehrere Tage hindurch in einer abgeschlossenen
Umgebung unter ständiger Aufsicht getestet werden. „Ist das hier so ein komisches
Auswahl-Center oder was?“ erkundigte sich Pohlkötter dann auch gereizt. - Die Anwesenden
runzelten die Stirn, dann hellte sich Meiers Miene auf. „Nein, nein“, lachte er,
„dies ist kein Assessment Center.“ - „Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne“, kicherte
Münch, wofür er von seinen Kollegen umgehend mit Blicken erdolcht wurde. Schwer
verwundet sackte der tollpatschige Wissenschaftler auf seinem Stuhl zusammen. -
Weseler suchte die Situation zu retten. „Wie Kollege Meier bereits erzählte, blickt
dieses Institut auf eine lange Tradition zurück. Es haben sich mit der Zeit gewisse
Rituale herausgebildet, die sich - und das möchte ich betonen - als sinnvoll herausgestellt
haben. Natürlich können Sie jetzt nach Hause fahren, Herr Pohlkötter. Ich versichere
Ihnen, Ihre Entscheidung wird keinen Einfluß auf unsere…Beurteilung…haben.“ Weseler
gönnte sich einen seltenen Luxus und lächelte über ihr Wortspiel. - „Falls Sie sich
entschließen, hier zu übernachten“, sprang Meier seiner Vorgesetzten bei, „werden
Sie natürlich nicht überwacht. Keine Elektroden, keine Kameras. Das machen wir in
unseren Laboratorien, die Sie übrigens morgen gerne besichtigen können.“ - Jochen
sah die anderen der Reihe nach an und bat schließlich um etwas Bedenkzeit. Er wollte
sich erheben, doch zu seiner Überraschung waren die anderen schneller und begaben
sich in ein Nebenzimmer. - „Lassen Sie sich ruhig Zeit, junger Mann“, beschied ihm
Weseler, bevor auch sie den Raum verließ.
„Was kann mir groß passieren?“ überlegte er. „Wenn ich jetzt fahre, wirft das ein
schlechtes Licht auf mich, egal, was Weseler und Meier behaupten. Oder ist dies
ein Test ob ich mich durchsetzen kann? Was erwartet man nur von mir? Was habe ich
denn zu verlieren? Zuhause lege ich mich bestimmt mit einem Bier in der Hand auf
die Couch und gucke in die Glotze. Bekomme ich dann morgen den Job nicht, ist alles
so wie vorher. Bleibe ich aber über Nacht bei diesen Verrückten, habe ich zumindest
eine Erfahrung gemacht, die ich nicht so schnell vergessen werde.“
Er hatte seine Entscheidung getroffen. „Ich nehme Ihr Angebot an“, verkündete er
den im Nebenraum Versammelten. „Aber nur, weil ich wirklich müde bin“, setzte er
hinzu. Seine Worte lösten sichtbar Genugtuung aus, und mit freundlichen Worten wünschte
man dem Gast eine gute Nacht. Friedhelm geleitete den Handwerker auf sein Zimmer.
- „Falls der gnädige Herr vor der Nachtruhe noch etwas Zerstreuung suchen sollten,
habe ich mir erlaubt, etwas zum Lesen bereitzulegen.“ Mit diesen Worten wies der
Butler auf ein Buch, das auf dem Nachttisch plaziert worden war.
Der gnädige Herr schenkte den Worten jedoch zunächst keine Beachtung, sondern sah
sich kritisch in dem Zimmer um. Er entdeckte keine verdächtigen Auffälligkeiten.
Einzig im Bad stutzte er, als er eine neue Tube Zahnpasta sowie eine noch verpackte
Zahnbürste vorfand. „Die denken auch an alles“, murmelte er beeindruckt. Zurück
im Hauptraum, nahm er die Ansammlung von Flaschen und Gläsern unter die Lupe, welche
auf einem niedrigen Schränkchen aufgebaut war und die dort bei seinem ersten Aufenthalt
in diesem Zimmer vor einer Stunde noch nicht vorhanden gewesen war. Der Gast pfiff
anerkennend, als er die Etiketten der alkoholischen Getränke inspizierte. Am Ende
entschied sich der Handwerker für einen teuer aussehenden schottischen Whisky.
Die bereitgelegte Lektüre entpuppte sich als eine Art Reader, zusammengestellt aus
Kopien mehrerer Geschichten. Es gab sogar ein Inhaltsverzeichnis. Weder die Titel
noch die Namen sagten Pohllötter etwas.
H.P. Lovecraft: Cthulhus Ruf
Das Grauen von Dunwich
Die Katzen von Ulthar
A. Derleth: Die Entrückung des Abel Keane
Interessiert nahm Jochen einen Schluck von dem kostbaren Naß und machte es sich
mit der Lektüre bequem.
Kaum hatte der junge Mann den Salon verlassen, trat der Kriegsrat zusammen. „Was
halten Sie von ihm?“ fragte die Professorin in die in gemütlichen Ledersesseln sitzende
Runde. - „Sie überstürzen es“, meldete sich die Medizinerin zu Wort. „Vielleicht
hätte er doch besser nach Hause fahren sollen.“ - „Sie haben ihm doch eben noch
verboten zu fahren“, staunte die Leiterin des Instituts. - „Das war aus reiner Vorsicht.
Herr Pohlkötter ist übermüdet, und das Unfallrisiko war mir zu hoch. Doch jetzt…“
Sie ließ den Satz unvollendet. - „Du magst ihn wohl?“ stichelte Meier. Szymiczek
verdrehte die Augen. „Er konnte jedenfalls nicht genug von dir kriegen.“ - „Da kennst
du dich ja aus“, brummte sie und warf dem Psychologen einen wissenden Blick zu.
- „Es mußte schnell gehen“, wechselte Meier schnell in den beruflichen Teil. „Bei
dem Desaster der Balkan-Gruppe haben wir zehn Steine verloren. Zehn! Zerstört oder
verlorengegangen.“ - „Da spricht wieder der Menschenfreund aus dir“, ätzte die Ärztin.
- „Veronika hat recht“, schaltete sich nun auch Münch in das Gespräch ein. „Der
Tod von Zoran, Tomislav und Anica ist schrecklich, und ob Emir und Mira durchkommen,
steht noch in den Sternen - oder?“ - „Keine Neuigkeiten“, seufzte Dr. Szymiczek
traurig. - „Verstehe. Ich bin mal wieder der Böse“, brummte Meier gekränkt. - „Du
täuscht den netten jungen Mann mit deiner Kumpelhaftigkeit und läßt ihn dann, wenn
nötig, ins offene Messer laufen“, gab sich Münch ungewöhnlich angriffslustig. -
„Ich mag Jochen doch auch!“ verteidigte sich Meier. „Schließlich habe ich ihn zusammen
mit Funke ausgewählt. Aber ich sehe auch unsere Schwächen, und die liegen nun einmal
nicht nur in unserer Personalstärke sondern vor allem im Mangel an geeigneten Waffen,
während die Kultisten mit Artefakten um sich werfen als hätten sie in China mehrere
Produktionsstraßen laufen. Weiß Yog-Sothoth, wo sie das Zeug her haben.“ Erik Meier
hatte sich in Rage geredet und war aufgestanden. Nun blickte er auf die schweigenden
Zuhörer. „Und sollten sich die Gerüchte über die Vorkommnisse, die praktisch vor
unserer Haustür stattfinden, bewahrheiten, dann steht uns ein ganz heißer Tanz bevor.“
Beinahe simultan schauten alle auf die Institutsleiterin. Diese reagierte mit einem
fragenden Blick. Dann begriff sie und schüttelte den Kopf. „Ich habe gestern erst
mit dem Dekan gesprochen. Das gestohlene Buch ist noch nicht wieder aufgetaucht.
Wenn es in die falschen Hände gelangt…nicht auszudenken.“ Weseler schauderte. Dann
setzte sie ein zorniges Gesicht auf. „Ich habe es denen tausend Mal gesagt, die
Kellerkammer ist nicht sicher. Solch ein Buch gehört besonders geschützt. In Heidelberg,
Salon-de-Provence oder meinetwegen Arkham!“ ereiferte sich die zierliche Frau. „Aber
nein, wir müssen uns in Eifersüchteleien verzetteln wie die Kultisten. Dabei ist
Einigkeit unsere stärkste Waffe“, dozierte sie weiter, während ihre Angestellten
mechanisch nickten. Irgendwann hatte sich die Psychologin beruhigt und saß schweigend
wie die anderen in ihrem Sessel.
Lange Zeit geschah praktisch nichts. Im Hintergrund dudelte ein Radio leise Jazz-Musik.
Da erhob sich mit einem Male der Physiker schwerfällig und verkündete, nach dem
Gast sehen zu wollen. Schon nach wenigen Minuten kehrte er mit einem fröhlichen
Gesicht zurück. „Er liest. Ich hab’s durch’s Schlüsselloch gesehen“, kicherte er.
- „Rolf, du alter Spanner“, brummte Meier und sorgte damit für einen kurzen Heiterkeitsausbruch.
- Selbst bei Frau Professor zuckten die Mundwinkel verdächtig nach oben. Schnell
hatte sie sich aber wieder unter Kontrolle und verkündete tadelnd: „Alkohol und
Aufputschmittel zu mischen ist pervers.“ - „Solange das Verhältnis stimmt“, konterte
Szymiczek. - „Wieso pervers?“ sprang Meier seiner Kollegin bei. „Sowas kann man
heute in jedem Supermarkt kaufen. Die Kiddies stehen voll auf Bier mit Energy Drink
oder Wodka-Red Bull.“- Weseler runzelte mißbilligend die Stirn. „Kiddies. Energy
Drink. Auch wenn Sie den Berufsjugendlichen mimen, Erik, sollten Sie sich trotzdem
einer verständlichen Sprache befleißigen.“ - „Aber so redet man heutzutage!“ verteidigte
sich Meier.
Die Leiterin des Instituts hatte offenbar keine Lust an einer tiefschürfenden Analyse
der modernen Umgangssprache, denn sie wechselte abrupt das Thema. „Hoffentlich haben
Sie und Funke diesmal ein glücklicheres Händchen gehabt.“ Meier, der gerade mit
seinem profunden Wissen über Jugendsprache und stolzen Berichten über seine neuesten
Erlebnisse in diversen Großraumdiscotheken punkten wollte, erstarrte von einer Sekunde
zur anderen. Vorwurfsvoll blickte er die Stimmungskillerin an, doch diese zeigte
sich gänzlich unbeeindruckt und fuhr mit düsterer Stimme fort: „Ich hasse es, Menschen
gegen ihren Willen zu hypnotisieren und ihre Erinnerungen zu löschen.“ Mit ihren
Worten hatte Weseler erreicht, daß die Runde wieder in dumpfes Schweigen verfiel.
Einzig Münch begann bald darauf, die restlichen Anwesenden mit seinem Schnarchen
zu unterhalten. Meier wollte gerade aufstehen und selbst einen Blick durch das Schlüsselloch
im oberen Stockwerk werfen, da flog plötzlich die Tür auf.
Alle schreckten auf und blickten alarmiert zum Eingang. Dort stand schwankend ein
derangiert aussehender Jochen Pohlkötter; mit der einen Hand hielt er sich mühsam
an der zurückgefederten Tür fest, mit der anderen umklammerte er den Reader. „Is’
nich’ euer Ernst, oder?“
Zum wiederholten Male blickte sich Jochen staunend um. Sein Auftauchen hatte bei
seinen neuen Kollegen für einige Irritationen gesorgt, denn normalerweise hätter
er, so wurde ihm versichert, irgendwann einschlafen sollen. Nach seinem dramatischen
Auftritt hatte ihn die Forschergruppe in ein Laboratorium im Keller verfrachtet.
Dort versuchten Weseler und Co. seit einer halben Stunde ihm einzureden, daß vieles
aus den Geschichten, die er zuvor gelesen hatte, der Wahrheit entsprach. Cthulhu,
Yog-Sothoth, Hastur sowie andere Monstrositäten sollten real existieren! Und das
Institut wollte, daß er, Jochen Pohlkötter, aus außerirdischen Steinen Waffen formte,
die gegen die Anhänger jenes Monster-Kultes eingesetzt werden sollten.
„Genau“, bestätigte ihm Meier erneut. - „Und diese Traumwelt gibt es auch?“ - „Natürlich“,
bestätigte Weseler. „Jeder Mensch kennt die Traumwelt“, behauptete die Psychologin
weiter. „Allerdings erhaschen die meisten Menschen nur einen kurzen Blick auf sie.
Es braucht schon sehr begabte oder erfahrene Träumer, um sich gezielt in der Traumwelt
bewegen zu können.“
In den folgenden Minuten berichteten Weseler und Meier von der wissenschaftlichen
Erforschung der Traumwelt durch das Institut. Pohlkötter erfuhr auch von der Bedeutung
der Traumwelt in dem Kampf gegen die Kultisten. - „Auch wenn Sie durch die Lektüre
und unsere Berichte den Eindruck gewonnen haben, unsere gute alte Erde sei ein Brennpunkt
in jenem kosmischen Ringen“, dozierte Weseler, „so befinden sich auf diesem Planeten
erschreckend wenige Artefakte, mit denen wir diesen Kult bekämpfen oder die uns
sonstwie helfen können.“ - „Was auch logisch ist, schließlich haben sich die Großen
Alten die Erde als Zufluchtsort ausgesucht. Wir befinden uns quasi auf feindlichem
Territorium“, ergänzte Meier. - „Es ist zum Verzweifeln“, jammerte die Professorin.
„Um den Kult bekämpfen zu können, brauchen wir außerirdische Artefakte. Diese Artefakte
befinden sich größtenteils in Parallelwelten oder auf anderen Planeten. Doch um
dorthin zu gelangen, brauchen wir diese Artefakte. Ein Teufelskreis, wenn Sie verstehen,
was ich meine.“ - „Ob ich verstehe, was ein Teufelskreis ist?“ dachte Jochen bitter.
„Wenn du wüßtest…“ Dann erinnerte er sich wieder an den wichtigen Teil, der in seinem
Puzzle fehlte. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, soll ich aus speziellem Speckstein
diese sternförmigen Talismane herstellen, richtig?“ Seine Zuhörer bestätigten ihm
den Sachverhalt. „Und wie kommt der Stein dann in unsere Welt?“ Jochen war stolz
auf diese Gedankenleistung, denn eigentlich hätte er vor Müdigkeit auf der Stelle
umfallen müssen. Gleich nach seiner Ankunft im Keller hatte ihm jedoch Doktor Veronika
ohne Vorwarnung eine Spritze in den Oberarm gejagt; seitdem fühlte sich der Handwerker
erstaunlich wach.
„Eine hervorragende Frage!“ freute sich Münch im Hintergrund und drängelte sich
nach vorne. „Ich freue mich schon auf unsere zukünftigen Gespräche.“ - Bevor der
Physiker weiterreden konnte, fuhr Meier schnell dazwischen. „Ob Sie’s glauben oder
nicht, es ist möglich, kleine Objekte von der Wachwelt mit in die Traumwelt zu nehmen.“
Der Psychologe holte aus seiner Hosentasche einen Schlüsselbund hervor. „Wenn ich
diese Schlüssel beim Schlafen bei mir trage und mich vor dem Einschlafen darauf
konzentriere, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß ich die Schlüssel auch
in der Traumwelt bei mir haben werde. Umgekehrt funktioniert es genauso. Sie können
also in der Traumwelt den Speckstein brechen, mitbringen und hier bearbeiten.“ Meier
lächelte verständnisvoll. „Ich weiß, wie sich das anhört. Aber glauben Sie mir,
Herr Pohlkötter, es funktioniert.“
In den nächsten Minuten lernte Jochen weitere haarsträubende Details jener Traumwelt
kennen; er hörte phantastisch klingende Städte- und Ländernamen und erfuhr von den
Zooks, Ghasts und Dunkel-Dürren. Kurze Zeit später war der Knackpunkt erreicht.
- „Auf dem Mond leben Leute?!“ - „Nicht auf unserem Mond“, korrigierte Weseler sanft,
„auf dem Mond in der Traumwelt. Ziemlich finstere Zeitgenossen.“ - „Und auf den
anderen Planeten wahrscheinlich auch, was?“ - „Vermutlich“, bestätigte Meier ernst.
„Während der langen wissenschaftlichen Erforschung der Traumwelt sind die Mitarbeiter
dieses Instituts häufiger Wesen begegnet, von denen sie annehmen mußten, daß sie
nicht von der Traumwelt-Erde oder dem Mond kamen.“ - Münch kicherte. „Und es sind
Fälle dokumentiert, in denen definitiv Außerirdische aus unserem Universum in unserer
Traumwelt aufgetaucht sind. Was ziemlich bemerkenswert ist, denn eigentlich-“ -
„Rolf, nein!“ fuhr Weseler den kleinen runden Mann an. „Du fängst jetzt nicht mit
deinem Multiversum an!“. - Nun kicherte Jochen. „Völlig abgefahren! Hoffentlich
erinnere ich mich an alles, wenn ich nachher in meinem Bett aufwache. Sowas habe
ich ja noch nie erlebt! Dabei kann ich mich gar nicht daran erinnern, zuhause einen
Joint geraucht zu haben; ich habe doch gar kein Geld für Gras. Vielleicht wache
ich aber auch in dem Gästezimmer des Instituts auf, dann ist zumindest ein Teil
dieser irren Geschichte real. Vermutlich habe ich zuviel Whisky getrunken und dabei
diese Schauergeschichten gelesen. Egal Bis zum Aufwachen will ich jedenfalls meinen
Spaß haben. Also los!“ Er räusperte sich vernehmlich, und alle sahen ihn an. „Multiversum?“
- Weseler und Meier stöhnten auf. „Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“ tadelte
Meier seine Arbeitgeberin streng. - „Es ist eigentlich alles ganz einfach“, setzte
Münch erfreut an. „Ich erkläre Ihnen mal kurz-“ - „Ich erklär’s ihm“, platzte Meier
dazwischen. „Denn ich hab’s schließlich immer noch nicht ganz begriffen, was ich
für ein gutes Zeichen halte.
„Angenommen, auf dem Mars unseres Sonnensystems lebten kleine grüne Männchen“, begann
Meier seinen Vortrag. Münch lachte begeistert auf, während seine Chefin kopfschüttelnd
ein mißbilligendes ‚Tststs’ von sich gab. „Nehmen wir weiterhin an“, fuhr der Psychologe
fort, „diese Männchen könnten träumen wie wir. Dann würden sie höchstwahrscheinlich
nicht in unserer Traumwelt landen, sondern in ihrer eigenen. die vermutlich völlig
von unserer Traumwelt isoliert ist. In ihrer Traumwelt ist die Erde vielleicht nur
ein Eisklumpen im All oder ein Vulkanplanet. Es wurde die Theorie aufgestellt, daß
es ebensoviele Traumwelten gibt wie träumende Spezies.“ - „Aha“, bemerkte Jürgen
trocken. „Und das weiß man, weil ihr in der Traumwelt auf Aliens getroffen seid,
die in euer…äh…unserer Traumwelt eigentlich nichts verloren haben.“ - „Beinahe“,
pflichtete ihm Münch bei. Der Physiker sah seine Kollegen vorsichtig an, doch schien
ihn diesmal niemand unterbrechen zu wollen. „Leider habe ich persönlich noch keinen
dieser bemerkenswerten Außerirdischen getroffen“, bekannte der Physiker. „Das war
alles vor meiner Zeit. Aber aus den Berichten geht klar hervor, daß diese Aliens
unser reales Sonnensystem kennen und womöglich schon mal auf der Erde waren. Diese
Aliens können entweder von ihrer Traumwelt aus in unsere gelangen, oder sie verfügen
über solch immense Geisteskräfte, daß sie mehrere verschiedene Traumwelten ansteuern
können.“ - Jochen brummte der Schädel. Um die Sache abzukürzen, klatschte er einmal
laut in die Hände und rief: „Prima! Wann geht’s los?“
Die Überraschungen nahmen kein Ende. Nachdem Meier und Münch den Steinmetz unter
lauten Protesten seitens der Institutsleiterin durch mehrere kryptische Gänge geführt
hatten, stand die Gruppe schließlich in einer Art Grotte. Jochen hatte längst die
Orientierung verloren, war sich aber sicher, an einem Ort zu sein, der nicht mehr
zum Institutsgebäude gehörte. Auf eine entsprechende Frage wurde ihm erklärt, daß
dieser Raum unter der Kirche liege. Die Gründe dafür wollten die Wissenschaftler
aber nicht nennen, und Jochen fragte auch nicht weiter. Staunend ließ der Handwerker
seine Augen über den Blickfang des Raumes wandern: einen großen torähnlichen Bogen
aus seltsam geformten und verzierten dunklen Steinen. Unter diesem Bogen waren vier
Krankenbetten aufgestellt, wovon eines mit einer Frau belegt war. Neben den Betten
standen medizinische Überwachungsgeräte. Mit beinahe noch größerem Erstaunen nahm
Jochen seine Freude darüber zur Kenntnis, daß die Apparaturen offenkundig von Dr.
Szymiczek bedient wurden.
„Vor sich sehen Sie unser größtes Geheimnis“, erklärte Professor Weseler streng.
„Der Steinbogen ist uralt und seit etwa einhundert Jahren in unserem Besitz. Er
erleichtert das Betreten der Traumwelt immens. Durch ihn können wir recht genau
bestimmen, an welchem der vielen Berührungspunkte zwischen den Welten wir in die
Traumwelt eintreten wollen. Ebenso erleichtert er die Rückkehr von der Traumebene
und ermöglicht ein gewisses Maß an Kontrolle des Träumenden von hier aus. Denn Sie
müssen wissen, Herr Pohlkötter, daß der Aufenthalt in der Traumwelt kein Kinderspiel
ist. Doch dazu wird Ihnen Doktor Szymiczek mehr erzählen können.“
Dies war das Stichwort, und die Ärztin wandte ihre Aufmerksamkeit von der bettlägerigen
Person ab und dem Handwerker zu. Ohne Einleitung begann sie. „Professor Weseler
hat völlig recht“, ließ sie ihre Rabenstimme erklingen. „Der Aufenthalt in der Traumwelt
bietet für den Reisenden große Vorteile aber auch Gefahren. Zu den Vorteilen gehört,
daß der Träumende in einem hundertprozentig gesunden Körper erwacht, egal wie es
um seinen Gesundheitszustand in der Wachwelt bestellt ist. Somit brauchen Sie sich
um Ihre Rückenprobleme keine Gedanken machen, Herr Pohlkötter. Das Schöne ist, daß
der …sagen wir mal…virtuelle Körper bei jedem neuen Eintritt in die Traumwelt wieder
in einwandfreiem Zustand ist.“ - „Wie bei einem Computerspiel“, grinste Müller augenzwinkernd
und fing sich von den beiden Damen sofort Kritik ein. - „Das ist ein großer Vorteil“,
fuhr die Ärztin mit ernstem Gesicht fort, „denn der Aufenthalt in der Traumwelt
ist nicht ungefährlich. Anders als in normalen Träumen werden Sie, Herr Pohlkötter,
Empfindungen spüren; Schmerzen, Hunger, Durst, Freude. Und das hat Auswirkungen
auf Ihren Körper hier in der Wachwelt. Sollten Sie in der Traumwelt verletzt werden,
dann hat das Auswirkungen auf den Organismus des realen Körpers - bis zur letzten
Konsequenz.“ - Jochen schluckte. „Sie meinen, ich kann…könnte…vielleicht…“ - „Wenn
Sie in der Traumwelt lebensgefährlich verletzt werden oder sogar umkommen, dann
bedeutet das auch hier exitus. Haben wir uns verstanden?“ - Pohlkötter schluckte
erneut. „J-ja.“ Plötzlich rastete in seinem Kopf ein weiteres Puzzlestück ein. „Ist
das auch mit meinem Vorgänger geschehen?“ - Die drei Personen sahen sich betroffen
an. Schließlich nickte Weseler traurig. Meier räusperte sich. - „Ein Arbeitsunfall.
Er stürzte beim Herausbrechen eines größeren Stückes ab“, erklärte der Psychologe.
- Jochen runzelte die Stirn und wollte eine Frage stellen, doch Szymiczek erriet
seine Gedanken und kam ihm zuvor. „Wir schaffen es bislang nur, kleinere Gegenstände
von einer in die andere Welt zu nehmen. Und da es in der Traumwelt keine Elektrizität
gibt, werden Sie dort mit ganz traditionellen Mitteln arbeiten.“ - Jochen fühlte
sich mit einem Male wie unter einer Eisdusche. Er sah sich schon als Sklave des
Instituts mit Hammer und Meißel in einem Bergwerk oder in einem Steinbruch schuften.
Die anderen lachten, und Meier klopfte dem Steinmetz jovial auf die Schulter. „Kommen
Sie, Jochen. Das wird ein Riesenspaß.“
Er blickte skeptisch an sich herunter. Die Kleidung, die sie ihm gegeben hatten,
erinnerte an ein Karnevalskostüm. Doch seine Zunftmontur war noch in der Wäsche,
und mit seiner bisherigen Zivilkleidung wäre er aufgefallen. Die Maskerade würde
ihm dabei helfen, ein alter ego zu erschaffen, das sich in die Traumwelt einpaßt.
So hatte man es ihm jedenfalls versichert. Tröstlicherweise hatten sich auch Meier
und Münch verkleidet und ähnelten Figuren aus Tausendundeiner Nacht. „Hier, für
Souvenirs“, sagte Meier und drückte Jochen etwas in die Hand. Als dieser erstaunt
nach unten blickte, erkannte er auf seiner Handfläche eine Goldmünze. „Mit Euro
kommen Sie dort nicht weit“, fuhr Meier mit seinen Erklärungen fort. „Und bevor
Sie fragen: wir lassen die Münzen extra herstellen, und nein - Sie erfahren jetzt
nicht mehr darüber.“ Die meisten Anwesenden lachten erneut. - Professor Weseler
kam auf Jochen zu, sie hielt ein großes Blatt Papier in den Händen. „Jetzt noch
etwas sehr Wichtiges. Sie müssen sich beim Einschlafen auf dieses Bild konzentrieren,
damit Sie an der richtigen Stelle erwachen.“ Mit diesen Worten drehte sie das Blatt
herum. Das Bild zeigte die Silhouette einer phantastischen Stadt, wie sie Jochen
aus zahlreichen Fantasy-Romanen kannte. „Dies ist ein mittels Computer erschaffenes,
recht genaues Bild der Stadt Hlanith. Der Eintrittspunkt in die Traumwelt befindet
sich in einem Wald vor der Stadt.“ Weseler seufzte. „Ich weiß schon, was Sie sagen
wollen. Aber elektronische Geräte funktionieren in der Traumwelt einfach nicht.
Es gibt keine Photos und keine Videos. Basta“, erklärte sie resolut. „Nutzen Sie
gefälligst Ihre Phantasie, junger Mann.“
Kurze Zeit später lag Jochen Pohlkötter auf einem der Krankenbetten mit Elektroden
auf seiner Stirn. Links neben ihm lag die Unbekannte; es handelte sich um eine alte
Frau, ihr Gesicht zeigte einen zufriedenen Ausdruck. Dennoch erinnerte ihn die Szene
an ein traumatisches Kindheitserlebnis mit seine Großmutter im Krankenhaus; er stellte
daher keine Fragen zu der Person und war sich sicher, daß er irgendwann auch für
dieses Rätsel eine Lösung erhalten würde. Rechts lagen Meier und Münch. Jochen warf
noch einen letzten Blick auf das Bild der Phantasie-Stadt, dann jagte Dr. Veronika
auch schon die nächste Spritze in seinen Arm. „Süße Träume“, krächzte sie lächelnd.
Sechs Wochen später hing er zwanzig Meter über dem Boden, nur gehalten von zwei
Seilen aus geflochtenem Thloth. Sein Blick schweifte über das unwirkliche Panorama.
Deutlich war der See zu erkennen, dem die Bewohner von Mnar auch nach Tausenden
Generationen keinen Namen zu geben wagten. Bei gutem Wetter konnte Jochen sogar
die Ruinen von Sarnath ausmachen. Er hatte die Überreste einige Male mit Erik und
Rolf durchstöbert und immer einen unheimlichen Schauer gespürt. Er hatte bereits
Ulthar und Dylath-Leen einen Besuch abgestattet und dort Dinge gesehen, die er nie
für möglich gehalten hätte. Unbewußt öffnete er die obersten Knöpfe seines Hemdes
und holte den Talisman hervor, der seit einiger Zeit um seinen Hals baumelte. Bis
heute wußte er nicht einmal, was das Schmuckstück darstellen sollte, doch das war
zweitrangig für ihn. Er hatte Kette und Anhänger bei seinem ersten Ausflug auf einem
der vielen Märkte von Hlanith erstanden. Der Talisman glänzte in der Sonne in einem
unirdischen, metallenen Blau. Jochen lächelte als seine Finger darüberstrichen.
Er hatte den Gegenstand seiner Exotik wegen gekauft; sowohl das Metall als auch
die kleinen bunten eingearbeiteten Steine kamen nicht auf der Erde vor. Er besaß
diesen Anhänger seit über einem Monat, und immer noch schreckte er nachts auf oder
riß, in einer Warteschlange im Supermarkt stehend, an der Kette, nur um sich vom
Vorhandensein des Talismans in der Wachwelt zu überzeugen. Er hatte tatsächlich
einen Beweis für seine phantastische Reise mit hinüber in die reale Welt gebracht.
Doch nun ging es darum, wichtigere Gegenstände in seine Welt zu schaffen. Mit diesem
Gedanken blickte Jochen nach unten, wo er die winzige Ansiedlung sah, welche nur
einem Zweck diente und die sich seit den Tagen der Institutsgründung nicht sehr
verändert hatte: einige primitive Häuschen aus Stein und Holz, ein Vorratslager
und die Werkstatt mit all ihren altertümlichen Gerätschaften. Dort lagen nun drei
neue Sternsteine zum Abtransport bereit; bereit für den Einsatz im Kampf gegen die
Kultisten.
Jochen Pohlkötter überprüfte die Leinen, an denen er an der Steilwand hing, holte
seine Werkzeuge aus einem umgehängten Beutel und begann, einen weiteren Block aus
dem Speckstein von Mnar zu schlagen.
© 2008 A.W.G. Döring